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Der Wendepunkt der Revolution.
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form für eine ideale, sondern ohne Maske gegen die Gesellschaft für die Poesie des Verbrechens, für die Verzweiflung der Noth. Vinnqueurs I«; »illitxe, vain^n« l'incen6io, schrieb die Pariser Jnniemeute aus ihre Fahne. Auch diese Romantik unterlag. Frankreich bekam einen Dictator und Deutschland einen Reichsverweser. In beiden Ländern war mit diesem Moment die Jnsurrection für den Augenblick gelähmt. Er schloß in Dentschland den Hecker'schen Aufstand und die ihm con- forme Bewegung der Gemüther ab, d. h. den ersten sich überstürzenden Enthu­siasmus der Revolution, so wie er in Frankreich die phantastisch idealen Elemente der Februarrevolution veruichtele.

In Deutschland wurde die Hoffnung auf die wiedergewonnene Festigkeit der Zustände, deren Symbol man in dem Neichsverweser begrüßte, so enthusiastisch ausgenommen, es trat eine so wohlthätige und verhältnißmäßig so lange Pause der Ruhe ein, daß Kurzsichtige bereits eine voreilige Frende äußerten, wie man doch im Ganzen so leichten Kaufes um eine welthistorische Krisis gekommen sei. Unterdeß wucherte die böse Saat des Absolutismus üppig fort. Unter dem Schutz der neuen Freiheit durfte man ungestört conspiriren.

Jetzt zeigte sich der zweite Fluch der Revolution. Sie schafft kein klares Rechtsverhältniß. Die bestehende» Gewalten beugen sich dem Sturm. Wenn er nachgelassen, erheben sie die Häupter, nm so viel als möglich zurückzufordern. Also rottet sie mit der Wurzel aus! ruft der radikale Unverstand. Die Geschichte sollte nns gelehrt haben, daß man durch das Beil eine Macht nicht ausrottet, welche noch die Geister beherrscht.

Die deutsche Nationalversammlung trat zusammen, berufen auf den Wunsch des Volkes von den Fürsten. Mit dem Mandat der Revolution, d. h. mit abso^ luter Machtvollkommenheit, sagten die Radikalen. Die Regierungen schwiegen. Das Gewicht der Nationalversammlung beruhte auf der ungetheilten Macht der öffentlichen Meinung, als sie noch mit gewaltiger Kraft nach einem gewissen, aber in seinen Einzelnheiten nirgend klar erkannten Ziele hindrängte. Jemehr man. sich diesem Ziele näherte, je gespaltener wurde die öffentliche Meinung und je zweifelhafter das Ansehen der Nationalversammlung.

Es hieß, man habe sich über die Throne erhoben, d. h. man wollte die Throne ignoriren, uud doch knüpfte sich an die Throne jede feste Organisation. Diese Organisation hatte eine Erschütterung bekommen, aber als der erste Sturm vorüber, zeigte sich, daß sie weit unversehrter geblieben, als man glaubte. Es galt eine ausdauernde Arbeit, sie umzubilden, aufzulösen und mit dem neuen Lebenswuchs zu verschmelzen. Der Radikalismus wollte sie einfach zerschlagen und eiu paar abstracte Grundformen, rohe, haltlose elcmentarische Gebilde an die Stelle setzen. Die Nationalversammlung ging nicht den Weg, auf den die Linke sie ziehen wollte, sie constitnirte sich nicht als Revolutionstribuual, um die be­stehende Organisation Stück für Stück zu zertrümmern. Sie suchte das Lebens-