218
Die östreichische Frage in der Panlskirche.
Vom Reich. II.
Es ist das eine eigenthümliche Schwierigkeit unserer Lage bei dieser und mancher andern wichtigen Frage, die in unserer Mitte zu verhandeln ist, daß der alleinige Boden des politischen Handelns, daß die politische Stimmung der Völker keineswegs immer eine so sicher und klar zu erkennende ist, um mit voller Gewißheit auf sie die erforderlichen Maßregeln bauen zu können. Das ist die traurige Folge der Dumpfheit unsers frühern politischen Lebens, der politischen Zerrissenheit, an der wir gelitten haben, daß unsere Organe nicht scharf hörend und fein fühlend genug sind, um in jedem Augenblick die wahre Stimmung der Völker, für welche wir unser Werk aufzurichten haben, mit Sicherheit zu erkennen.
Aus Riesser's Rede über die §. 2 u. 3.
Heinrich von Gagern, dessen Wort bei der ersten ernsthasten Frage, in welcher es sich nm das Princip der neuen deutschen Staatsbildnng handelte, die große Mehrheit der Versammlung unwiderstehlich mit sich fortriß, hat diesmal weniger Erfolg gehabt, er sah sich veranlaßt, seinen Antrag noch vor der Abstimmung zurückzunehmen und auf die Zukunft zu verweisen, welche seine Ansicht bestätigen werde — auf eine nähere Zukauft freilich, als die Propheten der fünften Monarchie in der äußersten Linken. Damals hatte Gagern eigentlich nichts nenes gesagt, er hatte aber für eine Ansicht, welche seit mehreren Tagen bekämpft und vertheidigt war, das ganze Gewicht seiner persönlichen Autorität nnd seiner Ueberzeugung eingesetzt. In der östreichischen Frage kam es eben so wenig darauf an ueue Gesichtspunkte zu finden, dafür hatte man von allen Seiten aus das Redlichste gesorgt, nnd die Schwierigkeit der Entscheidung lag lediglich im Konflikt zwischen den Resultaten der kalten Reflexion und den Eingebnngen des Gefühls. Gagerns Aufgabe war, das Gefühl mit dem Verstand z» versöhnen und die Gewissen , welche sich gegen die Logik empörten, zurecht zu setzen. Man wurde durch die Menge der Gesichtspunkte verwirrt, von einem ruhigen Abwägen beider Seiten, deren jede ihre wesentliche Berechtigung fand, war keine Rede mehr. Alles blickte fragend auf den einzigen Mann, dem die Meinung den Siegel politischer Begabung aufgeprägt hatte und erwartete.......nicht neue Gründe, sondern die Autorität der Entscheidung. Man wurde überrascht, als ein ganz neuer Vorschlag zum Vorschein kam, man hörte aufmerksam und mit großem Beifall zn, aber den andern Tag war jede Wirkung vorüber.