Beitrag 
Portaits aus der Berliner Constituante.
Seite
164
Einzelbild herunterladen
 

164

Ein komisches Intermezzo fiel übrigens schon bei Weichsel's Wahl vor und stellte ihm für seine parlamentarische Karriere das ungünstigste Prognostikon. Durch seine Stellung als Justizkommissarins war er mit den Bauern seines Kreises in Vielsache Berührungen gekommen: er empfahl sich daher ihnen zum Dcputirten und machte sie besonders aufmerksam darauf, wie übel die ländliche Bevölkerung vertreten sein würde, wenn sie etwa einen Rittergutsbesitzer zu ihrem Abgeordneten ernennen sollten. Diese Bemerkung fiel ans fruchtbaren Boden. Da erhebt plötzlich einer der ehrenwerthcn Urwähler seine durchdringende Stimme:Nlleö was der Herr Justizkommissarius ge­sagt hat, ist vollkommen wahr; aber gerade darum können wir ihn zum Dcputirten nicht brauchen; denn er hat selbst ein kleines Rittergut in Westprcußeu." Diesen Um­stand hatte Papa Weichsel im Augenblick der Aufregung gänzlich vergessen!

Goethe's Vriefe an Fra« von Stein.

Zu der Reliqniensammlung, die von der deutschen Pietät für den unsterblichen Dichter angelegt ist, wird jetzt durch die Herausgabe seiner Briefe an die Fran von Stein (Weimar, Jndustriecomptoir) ein charakteristischer Zuwachs kommen. Es ist der dritte Briefwechsel, den Goethe mit einer ausgezeichneten weiblichen Persönlichkeit geführt hat. Zuerst wurde uns durch Bettina das Briefgeheimnis? überliefert, dann erlaubte der Tod es die Besitztümer der Gräfin Auguste Stollberg zu veröffentlichen, und jetzt, zwanzig Jahre nach dem Ableben der Empfängerin, werden uns auch die merkwürdigen Briefe von Frau von Stein mitgetheilt. Das Verhältniß zu Bettina war viel wichti­ger und inhaltreicher, als die Korrespondenz Goethe'S, die darin mitgetheilt wird; zwi­schen den Briefgcdichtcu Bettina's nehmen sich Goethe's Worte so kalt aus wie Steine, die nnr in den Krystallquell geworfen find, um noch mehr Sprudel uud glänzenden Schaum zu erregen. Goethe experimcntirte mit dieser überströmenden Natur, er fühlte sich innerlich erfrischt davon, aber auch beunruhigt und bestrebte sich seine objective Hal­tung zu bewahren/ Die Briefe au Auguste Stollberg, freilich auch mehr als dreißig Jahre früher geschrieben, geben dagegen rücksichtslos die Naturlante, sind snbjectivcn Empfindens, und sind darum der treucstc Abdruck seines Innern, um so wcrthvoller als es damals gerade in der Blüthenzeit der männlichen Jugend stand und der Genius mächtig die Schwingen in ihm regte. Die Briefe an Frau von Stein beginnen unge­fähr in derselben denkwürdigen Periode und sind, zwar bei weitem nicht so schwungvoll, nicht so inhaltreich als die von Auguste Stollberg, doch fast eben so bezeichnend für seine Eigenthümlichkeit. Er kam damals zum ersten Mal nach Weimar als bildschöner Günstling des Hofes und der Damen, als gefeierter Dichter des Werther uud Gotz von Berlichingen, kaum sechs und zwanzig Jahr alt, übermüthig, leidenschaftlich erregbar und über alle Maßen liebebedürftig. Durch einen Freund war er schon aus Charlotte von Stein aufmerksam gemacht worden, ehe er sie kannte, und sie war ebenfalls von dem­selben Freuud mehrfach brieflich geneckt worden, daß der Verfasser des Werther ihren Schattenriß leidenschaftlich bewundert habe. Frau von Stein war damals drei und dreißig Jahr, ungefähr sieben Jahr älter als Goethe; sie besaß eine reizende Gestalt, die sie