Wiener (Sindrücke
Ein lauter Schrei weckte mich ans dem unerquicklichen Schlummer, deu eine lange Nachtfahrt aus der Nordbahn mit bleiernem Gewicht auf meine Augenlider gesenkt hatte. Noch wirr von phantastischen Traumbildern fuhr ich empor. „Was gibt es?" frug ich und bemerkte zugleich, daß der Zug anhielt, daß zwanzig Stimmen zugleich mit mir diese Frage ausriefen uud die Passagiere mit ängstlicher Neugier sich aus den Wagenfenstern lehnten.
„Revolution gibt es!" lachten von dranßen herein vorübereilende Nationalgarden nnd Studenten — uud: „Ausgestiegen, wir können nicht weiter fahren!" befahlen in besorgtem Ton die Coudnctenre.
In einem Nu befanden sämmtliche Reisende sich ans dem ebenen Boden, in ängstlichen Gruppe« beriethen sie miteinander, lauschten in die Ferne. Ich aber, meine sahrende Habe dein schützenden Genius der Eisenbahnen keck überlassend, eilte so sehr ich kouute, vorwärts. Es war ja „Revolution" und so 'was darf man nicht versäumen. Ich prieß mein Geschick, das mich an den Thoren Wiens einem Krawall in die Arme warf. Mehr, wie das letztere, schien die beabsichtigte „Revolution" nicht werden zu woüeu. Zwar war der Doppeldrath des Telegraphen zerhackt nnd zerrissen, zwar hinderten ansgehobene und quer über deu Damm geworfene Schienen die Benutzung der letzten Bahnstrecke, aber die auf derselben vertheilten Wache» versicherten mich, es sei uicht so gefährlich als es aussehe. Ein uach Ungar» unter Jellachich's Fahnen bestimmtes deutsches Grenadierbataillon weigere sich, zu zieheu uud die akademische Legion im Verein mit den Nationalgarden unterstütze dessen Widersetzlichkeit. DaS sei Alles nnd das Ganze werde bald vorüber sein, natürlich mit dem Erfolg, den das souveräne Volk wünsche.
Ein rascher Gang M einer halben Meile brachte mich bis zur Eisenbahnbrücke und von da ans konnte man bequem die ganze Sachlage überschauen. Aus der nicht weit oberhalb stehenden Taborbrücke stand das aufrührerische Grenadierbataillon, schwenkte zuweilen die colossalen Bärenmützen nnd brüllte dem bewaffneten Volk, das diesseits, also auf dem linken Donauufer, die Brücke sperrte, ein Hmrcch zu; jenseits stand das Linienregiment Nassau, welches commandirt war, um die Nebellen zur Raison zu bringen nnd die Ordnung wieder herzustellen.
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