57
unsere Fahne gemeinschaftlich dem Feinde entgegenwehen. Aber lassen Sie den blutrothen Wimpel! für Oestreich wäre es das Symbol der rothen Republik.
Es sind dies Ansichten, wie ich sie von Anfang der Bewegung an genährt. Sie werden mir glauben, daß nicht die Rücksicht ans die öffentliche Meinung es war, die mich bisher gehindert hat, sie entschieden auszusprechen; ich schlage ihr nach andern Seiten hin stark genug ins Gesicht. Es war theils ein innerer Conflict mit einem eignen Gefühl, theils die Rechnung, die ich den Verhältnissen tragen mnßte. Hatte Ungarn — was im Voraus Niemand beurtheilen konnte — die Kraft, sclbststäudig zu existiren; hatten die deutschen Demokraten den Einfluß, die Slaven in den Erblandcn mit sich forzureißen, so hatte kein klügelnder Verstand das Recht, sich dieser Entscheidung zu widersetzen. Die Geschichte will es anders; es ist Zeit, dieses laut uud so scharf als möglich hinzustellen.
Wir aber — wie Ihre Entscheidung auch ausfallen möge — wollen in Einem treulich zusammenhalten, die junge und die alte Generation der Grenzboten: m der Liebe zur Freiheit, die aber erst dadurch eine Form gewinnt, daß wir Beide die Herrschaft der Vernunft wollen, nicht die Willkür der Leidenschaft. In diesem Sinne stehen wir immer als Kampfesgenossen neben einander.
Ihr treuer Freund
Julian Schmidt.
Anmerkung. Indem dieser Brief gedruckt wird, erhalten wir die entsetzlichen Nachrichten aus Wien. So stehen wir denn am Beginn einer zweiten, viel schrecklicheren Revolution, denn sie beginnt mit Mord uud Gemetzel. Das unselige Schaukelsystem, das man den ernsten Fragen der Zeit gegenüber beobachtet hat, der Mangel an Offenheit ist zum großen Theil Schuld daran. In so kurzer Zeit das dritte Verbrechen! Wohin es führen soll, vermag noch Keiner abzusehn; siegt in Oestreich die rothe Fahne der Anarchie, so ist es sür ganz Deutschland verhängnisvoll. Wenn auch hier die conscrvative Partei, aus Mangel an Mnth, verdecktes Spiel spieleu will, so gehen wir, wie Frankreich im Jahre 1791, einem Decennium der Barbarei entgegen, um dann den alten Kampf von Neuem aufnehmen zu müssen. .
Die freie Drganisation der Gemeinden.
Die plötzliche Erhebung des Volks in diesem Jahr hat die Darstellung der Freiheit im Staatsleben mehr dadurch gefördert, daß sie Hindernisse wegräumte, als daß sie Neues schuf. Was bis jetzt für die Organisation des Volkslebens in den
ErmzMm. IV. 1»4». 8