Gedanken über das Volk.
Nach Daniel Stern von Emma Niendorf.
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Man hat in der neuesten Zeit viel über und für das Volk geschrieben. Das ist nicht blos Zufall. In allen wichtigen Epochen der Civilisation lag für die Denker und Dichter ein gegebener nnd gleichsam von einer unsichtbaren Weisheit gebotener Stoff vor. Götter, Könige, Vornehme, Alles was die Einbildungskraft beherrschte, diente bis auf unsere Tage der Kunst gewöhnlich zum Gegenstande. Die Romauceros und die Nibelungen singen nur Thateu der Fürsten und Liebesabenteuer der Ritter. Ein einziges Gedicht der Vergangenheit macht eine Ausnahme, indem es dem Volke die Hauptrolle ertheilt; dies Gedicht ist das Evangelium. Jetzt gehorchen Alle, ohne es zu wisse», dem geheimen Antrieb des modernen Genius. Alle, ohne zu verstehe» warum, vertauschen nach und nach in ihrer Schöpfung die Götter, die Könige, die Vornehmen- mit dem Volke, weil nach den ewigen Rachschlüssen die Einsetzung des Volkes das Werk des 19. Jahrhunderts sein soll. ,
Es war also ein ganz richtiger Instinkt, der viele Talente der Gegenwart- bewogen hat, neue Eingebungen an den verborgenen Quellen des Volkslebens zu holen. Die energischen Leidenschaften des Volkes, die offenherzige Rauhheit in seiner Liebe und seinem Hasse, seinen Freuden und seinen Schinerzen, zeichnen sich in kühnen Strichen, in greifbaren Gegensätzen, in scharfen Lichtern und Schatten, die sich auf merkwürdige Art zur Plastik eignen und umsonst in den gemischten Empfindungen der höhern Klassen gesucht würden. Ich sehe die Möglichkeit eines großen Werkes, dessen Held das Volk wäre. Es müßte einem Manne von Genie leicht sein, in diesen mächtigen, noch so wenig gekannten Massen die Elemente für ein modernes Epos zu entdecken.
Es ist nicht die Schönheit der Diction, noch weniger Fülle und Glätte, die einigen an das Volk gerichteten Werken mangeln, es ist ein gewisser Accent der- Seele, den es allein empfindet. Gleich jener Verkäuferin des Theophraft erkennt