Liebesbriefe eines Fähnrichs.
i.
An den Baner Michael Mroß,
«wählten D-Putirtcn dcS Kreises Strehlch in Schlesien für die constituirende Versammlimg in Berlin.
Michael Mroß! Ihr werdet diesen Brief nicht lesen. Les't Ihr doch, wie ich höre, niemals, am wenigsten deutsch, von dessen Kenntniß nnd Einwirkungen Ihr Euch möglichst rein erhalten habt. Und doch sollen diese Zeilen meine Freude darüber ausdrücken, daß Ihr und Euresgleichen das Recht, sich wählen zu lassen, so tapfer für Euch selbst in Anspruch genominen habt. Jetzt endlich wird im Staatsleben, in Gesetzgebung nnd parlamentarischer Debatte durchgesetzt werden, was Knust und Wissenschaft so glorreich zur Verjüngung des spießbürgerlichen Menschengeschlechts erstrebt haben; die Urlaute naiver Natur werden siegreich durchkliiigen durch die Bücherformelu rationalistischer Bildung, die alte Urtraft der Erde wird ihre Faust ballen auf den Sammetbünkeu unserer Parlamente nnd sogar an die Stelle des gebildeten Fragezeicheuliedes: Was ist des Deutschen Vaterland? wird jetzt der liebenswürdige Blödsinn ächter Volkslieder mit ursprünglicheren Melodien, z. B. „Mit dem Schemel Schemelbein, ju ja Schemelbein" durch das freie Land fahren. Schon lange lehrten die Romantiker, daß unser Heil nur zu hoffeu sei durch ein Zurückgehen aus dem scharfen, gemeinen Licht logischen Denkens in das reizende Düster dämmerigen, volksthümlichen Grübelns. Wir glaubten ihnen nicht. Und jetzt ist es doch wahr geworden: Schilling nnd Michael Mroß, der Philosoph und der Dcputirte, der Weise nnd der Tölpel, durch beide eine Umkehr^ des Menschengeschlechts zu den Urformen antediluviaui- scher Reinheit; die Philosophie, welche den Mustops himuüischer Seligkeit zusammenkocht aus den Seelen irdischer Individuen und die politische Parteiweisheit, welche den hohen Himmel einer Staatsverfassung zusammenzuleimen hofft aus den Gesichtskreisen von möglichst vielen kurzsichtigen Tröpfen, Beide sind Formen desselben ewigen Prvteus, der alten, unzerstörbaren Romantik.
Michael Mroß! Ihr seid nicht nur ciu ungelehrter, einfältiger Mann von der Art, die bei deu Nachbarn „Wasserpolackeu" heißt, der Ruf erzählt noch Anderes von Euch. Ich sehe Euch vor mir, ein hübsches, hitziges, geröthetes Antlitz,
Grciizliotcn. II. l«4». 45