Beitrag 
Aus Berlin : der Prinz von Preußen.
Seite
326
Einzelbild herunterladen
 

326

mit der ganzen alten Zeit, mit der alt preußischen Monarchie. Diese hat man gestürzt, aber man hat die Monarchie bestehen lassen; so können cs weiter nur Gründe der Klug­heit, nicht RcchtSgründc sein, die für oder gegen die Rückkehr des Prinzen sprechen.

Wenn er von der Thronfolge nicht ausgeschlossen werden soll, so muß er zurück­kehren. Der Thronerbe Preußens muß in die neuen Institutionen sich einleben, sie durch seine unbedingte und freie Anerkennung gara^tiren.

Zu seiner Ausschließung sehe ich aber keinen Grund. Mit seiner Rückkehr wird mit dem Militär, mit den alten royalistischen Provinzen Frieden geschlossen. Dieser Friede ist nothwendig, wenn eine feste, gesetzliche Freiheit an die Stelle der bisherigen Anarchie treten soll. Eine etwaige Reaction wird aber nicht dnrch tägliche Revolutiön- chen, durch sinnlose Emcnten nach dem Pariser Muster, sondern durch gemessenen, ge­setzlichen, ausdauernden Widerstand gebrochen. Zu diesem Widerstand sind uns alle Mittel geboten: wir haben Prcßfrcihcit, Associativnsrccht, und wir erhalten eine aus demokratischen Grundlagen beruhende Verfassung. Wenn wir daraus keinen vernünftigen Staat gründen können, so sind wir überhaupt unfähig dazu.

Eine andere Frage ist cs freilich, ob die Nathgcbcr des Prinzen ihm nicht vor­schlagen sollten, im Interesse seines Vaterlandes und seines Hauses, da doch ein­mal das Vorurthcil gegen ihn ist, freiwillig seinen Anspuichen zu entsagen. Eine Frage, zn deren Lösnng die ersten Sitzungen der Berliner Constituante viel beitragen werden. Nomariil.

Die politischen Parteien in 'Aalle.

Eine Stadt, wie Halle, die nicht etwa erst in neuester Zeit, sondern seit langen Jahren für Recht und Freiheit den Kampfplatz betreten und allezeit tapser dreingcschla- gcn hat, konnte natürlich kein gleichgültiger Zuschauer bleiben, als galt, Freiheit und Recht nicht nur zur Geltung zu bringen, sondern auch für die fernste Zukunft in Obhnt zn nehmen und zu bewahren. Eine tiefe und mächtige Bewegung ergriff die Gemüther, als die erste Kunde von der Umwälzung in Frankreich erscholl; der Sturm ward gewaltig, als der Süden Deutschlands sich ausrafftc, als endlich der Kanonen­donner von Berlin her die schwüle nnd drückende Atmosphäre erschütterte, welche schwer auf Deutschland, beengend auf Preußen lastete. Entsetzen, Äugst, Wuth malte sich auf den Gesichtern, ein Schrei der Entrüstung und des Schreckens hallte in den engen Straßen der Stadt wieder, und cS fehlte nicht viel, so wäre Halle nach Berlin gezo­gen, um Barrikaden bauen zn helfen, nm todt zu schießen und sich todt schießen zu lassen.

Jedoch, der Zug unterblieb, die spätern Nachrichten ans Berlin wirkten be­ruhigend auf die erhitzten Köpfe, die alte wohlgercchtfertigte Liebe zn unserem König ergriff mit einer wahren Wuth die guten Hallenser, und so wie die Sachen jetzt stehen, möchte Friedrich Wilhelm IV. wohl nirgends treuere und loyalere Uutcrthauen finden, als in Halle, als in der ganzen Provinz Sachsen. Und diese Liebe znm König ist bis auf wenige Ausnahmen allgemein, sie geht dnrch alle Klassen der Gesellschaft. Wehe dem Radicalen. dem Republikaner, der es wagen möchte, sie mit höhnenden Worten zn bekritteln, zu bespötteln.

Gleichwohl ist dieses Gefühl wie das aufrichtigste, so auch das alleinige gemein­same. Im Uebrigcn divcrgircn die Ansichten. Halle bildet gleichsam drei Heerlager, die sich feindlich oder doch mißtrauisch gegenüber stehen. Ihre Bestrebungen lassen sich mit wenigen Worten bezeichnen.

Die eine Partei ist die radicalc, die republikanische die republikanische, sage ich, obgleich sie die Anerkennung dieser Richtung entschieden verweigert. Sie will directe Wahlen, sie will einen Präsidenten in Frankfurt. Sie wurzelt in den untersten Klassen des Volkes. Ihr Obcrfcldherr ist Wis liccnus. ihr Untcrseldherr Herr Böschc, ein Student, ihr General-Adjutaut der Weinhändler Rawald, ein Mensch, der nicht-