Beitrag 
Aus Berlin : der Prinz von Preußen.
Seite
325
Einzelbild herunterladen
 

325

Lins Berlin.

Dcr Prinz von Prcußcn.

In revolutionären Zeiten hat die Verwaltung in ihren Maßregeln nicht allein das Recht, sondern auch den wohl- oder übelbegründctcn Willen des Volks zn Rathe zn ziehen. In diesem Sinne war der Schritt des preußischen Ministeriums, ans Zurück- kunft des Prinzen von Preußen anzutragen, ein verfehlter; um so mehr verfehlt, als er einmal unnöthig war, denn es konnte dcr in kurzer Zeit zusammentretenden Natio­nalversammlung ruhig die Entscheidung überlassen, als er scrncr in zweideutiger Form abgefaßt war, denn das Ministerium hatte dem alten Canzlcistyl schon so viel abgelernt, um mit diplomatischen Phrasen der Wahrheit dreist in's Angesicht zn schlagen.

Viel schlimmer sind aber die Radikalen selbst, die unter dem Vorwaud, das Volk werde durch einen solchen Schritt auf eine gefährliche Weise aufgeregt, diese Aufregung künstlich hervorriefen. Wenn man sie fragt: warum soll dcun dcr Prinz eigentlich nicht zurückkommen? so begnügen sich freilich die Consequcuten unter ihnen mit der ge­wöhnlichen Antwort ungezogener Kinder: wir wollen es nicht haben. Wer sich aber dieser Gaminwirthschaft schämt, schützt entweder das Versahren des Prinzen in den Märztagcn vor, oder er. fürchtet von der bekannten Gesinnung des Prinzen eine Re­action gegen die nene Form des preußischen Staatswescns.

Was das erste betrifft, so sollte man endlich zu der Ueberzcuguug kommen, daß in dcr Mordnacht vom 19. März die Schuld aus beiden Seiten war. Nachdem dcr König Mittag den 18. März die Forderungen dcr Vvlksdcputationcn, zwar nicht in genügendem Maße, aber doch in ziemlich liberaler Wcisc befriedigt hatte, drängte sich ein formloser Hause vor das Schloß, der keine bestimmten Forderungen, sondern nur ein allgemeines, abstractcs Geschrei in die Ohren des Königs schallen ließ. Man wußte kein anderes Mittel, das Schloß zn säubcrn, als Anwendung von Cavallcric, die übrigens ihren Zweck ohne Blutvergießen erreichte.

In Folge dessen rief man Verrath nnd es wurden überall Barrikaden aufgerichtet.

Wer hatte bis dahin die Schuld? Vor Allem freilich die Regierung, die seit mehreren Wochen die gerechten Forderungen des Volks mit dcr alten hochmüthigen Sns- fisance vernachlässigt hatte. Aber dicsc Schuld ist cinc alte; in dem Augenblick des Ausbruchs selbst ist schwer zu sagen, was sie eigentlich hätte thun sollen; ans bestimmte, förmliche Anforderung kann man eine Antwort ertheilen, aber wie soll man mit einem lärmenden Hausen untcrhandcln, von dem dcr Eine Vivat, dcr Andere Pcrcat schrcit?

WaS bezweckten die Barrikadenmäuner? Gewährung einer bestimmten Forderung? nnd welche? Kein Mensch hat es gewußt. Sie wollteu Rache. Mochte das unn ein billiges oder nnbilligcs Verlangen sein, Niemand wird eS dem angegriffenen Theil verdcnkcn, sich seiner Haut zu wehre«. Die Barrikaden wurden mit Kanonen angegriffen.

Das Volk behielt den Sieg. Das Militär zog ab. die Forderungen dcr Demo­kraten wurden befriedigt, sie selber blieben gemäßigt, die Monarchie ward erhalten.

Der Prinz von Prcuficn, dcn man theils als Haupt dcr militärisch - bureaukrati­schen Partei haßte, theils beargwöhnte, in dem Kampfe gcgcn die Barrikaden komman- dirt zu haben, entfloh aus der Stadt, weil man sein Hotcl dcmolircn wollte. Er machte keinen Versuch, sich außerhalb Berlin an die Spitze dcr royalistischcn Gardcn zu stcllcu, sondern reiste eilfertig nach England.

Nach Wiederherstellung dcr Ordnung ist stillschweigend Amnestie ertheilt. Billiger­weise sollte dicsc auch den Prinzen von Preußen umfassen, jedenfalls aber mnßte er über seine vermeintliche Schuld erst gehört werden, ehe man ihn vernrtheilt. Die con- stitnirendc Vcrsammlnng hat zu cutschcidcu, ob es die Lage des Staats wüuscheuswcrth macht, den präsnmtiven Thronfolger zur Entsagung ans seine Rechte zn veranlassen oder nicht; Berlin hat darüber keine Stimme mehr.

Ein Recht, den Prinzen zu verdammen, ist nicht vorhanden; er theilt die Schuld