Beitrag 
Aus Stuttgart : die Tumulttage.
Seite
107
Einzelbild herunterladen
 

107

fühlt sich stark genug, etwaige Versuche von ein oder der andern Seite so kräftig zu­rückzuweisen, daß sie gewiß nicht wieder aufleben werden.

Wie ungemein aber diese Tumultversuche und der vorher gezeigte Terrorismus bei Lenkung der Wahlen den Republikanern in der öffentlichen Meinung geschadet haben, zeigt am deutlichsten das Resultat der Wahlen in das erwähnte Central - Cvmitö zur Leitung der Wahlgeschäfte für das allgemeine Parlament. Gerade die Herren, welche dieselben am liebsten hineingebracht hätten, haben bisher die wenigsten Stimmen er­halten, so z. V. der erwähnte !)>-. Zimmcrmann nur 251, Dr. Weisscr, der Redac­teur desBeobachters," 252, während die geringste Stimmenzahl der noch zum Eintritt berechtigten 971, die höchste aber 166?'ist. »

Lus München.

Die Kammer. Die Wahlen für das Parlament. Zwei Volktversammlnnze» gegen das Wahlgesetz. Ausschließung der Stndircudcn, Arbeiter und Soldaten. Polizciwilltur und Spionage. Ausweisung eines Schriftstellers. Franz Trautmann gegen die Polizcidircction. Allgemein- Gährung.

Znm Teufel ist der Spiritus, das Phlegma ist geblieben." Mit diesen Worten bezeichnet ein hiesiges Journal ganz richtig uusre gegenwärtige Kammer, die, unter dem alten Regime gewählt, keineswegs das Vertraue» des Volkes für sich hat, und doch weder auf ihre Auflösung dringt, noch durch rasche Förderung der Geschäfte dem Volke ihren guten Willen zn erkennen gibt. Man sieht deutlich, daß die ehemaligen Stimmsührer am Ministertische sitzen oder für das deutsche Buudcsparlamcnt in Anspruch genommen sind. Die bevorstehenden Wahlen zu Letztcrem beschäftigen vorzüglich die hiesige Einwohnerschaft uud zwei Volksversammlungen revidirten das vom Ministerium eingebrachte, sehr nach dem Alten riechende Wahlgesetz und brachten in Adressen ihre Forderungen an die Kammer, welche dieselben aber nicht besonders berücksichtigte, denn es ist wiederum nur derjenige wahlfähig, der dem Staate eine direkte Steuer entrichtet. Die Studirenden und ein großer Theil der Arbeiter sind demnach wieder nicht vertreten. Der Soldat darf sich wohl tvdtschicßcn lassen, aber seine Meinung über das Beste des Vaterlandes darf er nicht aussprechen. Sollte man nicht glauben, daß die Herren, welche beständig gegen die revolutionären Wühler deklamircn, selbst nach Kräften der Republik iu die Hände arbeiten durch ihre halben Maßregeln? Wer hat denn in ganz Deutschland vor Allen hinter den Barrikaden gefochten uud der neuen Zeit die Bahn gebrochen? Waren es nicht vorzüglich die Studenten und die Arbeiter, und sollen fle nochmals die Waffen zur Hand nehmen, um ihre vorenthaltenen Rechte zu wahren? Und es wird dazu kommen, wenn man ans diesem Wege sortwandclt.

Die Polizei fordert ebenfalls das Volk zu neuen Demonstrationen heraus. Ihr Spionirsvstcm geht so weit, daß sie Wirthe und Kellner vorladet und zu Denunciationen zwingen will, ja selbst ihre Untcrbcamten zu Nadcrern herabwürdigt. Daß von ihr ein freisinniger Schriftsteller ans Sachsen, der Dr. Rohatzsch. ausgewiesen wird, ohne daß man ihm dcn Grund mittheilt, kann gar nicht mehr befremden, wenn man weiß, daß sie in Sachen der Presse selbst Ministcrialreskripte verdreht und mißachtet. Viel Aufsehen hat deshalb eine Broschüre des geflnnungstüchtigcn Schriftstellers Franz Traut­mann gemacht, welche den Angriff der Münchener Polizeidirektion auf die Freiheit der