Aus M n n ch e n.
Den 7. April.
Jntiliren und Protestirc». — ÄricgSlust und Kri-gSrüstungen. — Ncactivnär- Gelüst- der Polizei. — Schwarz'roth-goldene Spielereien. — Wie man das Proletariat erzieht. — Mangel
an Politikern,
Fast ist es dem Schriftsteller nicht mehr möglich, mit den Ereignissen der neuen Zeit gleichen Schritt zu halten. Kaum hatten wir uns vvn unserm Erstaunen über die Abdankung König Ludwigs erholt, da kommen die Nachrichten der Berliner Gräuel- scenen und königlicher Anmaßung, nnd rnfcn Autodafe's nnd ähnliche Demonstrationen hervor. Adressen werden unterschrieben (auch vom König Ludwig), um sich gegeu den neuen deutschen Kaiser zu verwahren, Karrikaturen erscheinen an den Buchläden und Pereats hallen aus allen Trinkstube». Dazwischen klirren die Waffen an allen Ecken und Enden, denn Künstler, Studenten und Bürgcrsöhne haben Freikorps gebildet und exerciren Tag für Tag, sogar die Männer des baicrschen Hochlandes treten unter der Anführung des Herzogs Max von Baiern in eine Art Landsturm zusammen. Die Linie selbst wird auf den Kriegsfuß gestellt und schon haben viele Truppen die Garnison verlassen, um die Grenze gegen Westen decken zu helfen. Eine ungeheure Kriegslust herrscht unter der Jugend, aber leider vergißt sie dabei das vor kurzer Zeit Errungene sich zu wahren. Die Polizeiwillkür hat ihre goldenen Tage noch nicht vergessen nnd sucht allgemach sich wieder geltend zu machen. Schon ward das Ausbieten von Flugblättern an den Straßenecken und in Wirthshäusern verboten — unbeschadet der vollen Freiheit der Presse, wie die Polizei sich auszudrücken beliebt — und irren wir uns nicht, so werden gar bald andere ähnliche Verordnungen nachfolgen, wenn man nicht die Augen offen behält. Das Spielen mit der schwarz-roth-goldenen Fahne, die nun auch hier auf der Feldherrnhalle flattert, macht den Fortschritt noch nicht aus, und nur zu loben ist der Takt der Bambergcr Landwehr, welche dem neuen König den Huldigungseid erst schwören will, wenn des baierischen Volks gerechte Forderungen sämmtlich erfüllt sind. Aber wie weit ist's noch bis dahin! Im ganzen westlichen Deutschland rüstet man sich gegen die deutscheu Legionen, die von Paris aus uns Freiheit und Gleichheit bringen wollen, man sürchtct die Massen von Proletariern, die bis jetzt nicht gelebt haben, sondern nur am Leben waren, und doch stößt man bei uns mit jedem Tage eine hoffnungsvolle intelligente Jugend in die Arme des Proletariats, eine Masse von Rechtspraktikantcn nnd jungen Aerzten, die ihr Vermögen darangesetzt haben, etwas zu lernen nnd nach Beendigung ihrer Studien sich nicht einen Kreuzer verdienen können, weil die ärztliche Praxis nicht freigegeben ist und kein Landrichter einem RechtSpraktikantm etwas bezahlt, wenn er nicht durch ihn einen Schrei-