Beitrag 
Briefe aus Stuttgart.
Seite
531
Einzelbild herunterladen
 

Briefe ans Stuttgart.

i.

Die neue Zeit. — DaS Hoch dem König. — Der Mische Hcih» und unsere Longsmnk-it. — Woher kennt ein Fürst sein Voll? — Ministenvcchscl, — Stoilaristokratischc Olla Potridci. — Neue Wahlen. — Adelige Gelüste. — Ein Wort eine» WundeStogSgesandte». — Der moderne Bauernkrieg. —

Die Musen.

„Wenn doch unsere Großcltcrn wieder erständen und sich die uicgcahntcn Ver­änderungen vder Einrichtnngen betrachten könnten! Sie würden sich in eine Mäbr- chcnwclt versetzt glauben," so pflegte wohl Mancher schon zn wünschen, wenn er bedeutenden, in verhältnismäßig kurzer Zeit bewerkstelligten Fortschritten der Cul­tur, des ErsindnngSgeistcs gegenüberstand. Dieser Wunsch ist mit einem Male überflüssig geworden. Unsere lieben Laudsleutc, die Großväter der heutigen Ereig­nisse, wachen plötzlich aus der Lethargie ans und fangen an zu begrciscn, daß das, was sie den Enkeln überließen., ihnen schon jetzt zustehe. Nicht als ob daö Be­dürfniß der gegenwärtig herbeigeführten Umwälzung nicht schon längst gefühlt worden wäre. Es blieb aber beim Fühlen und — Hoffen. Nun aber begehren jauchzend die Massen, was der Einzelne kaum mit seinen kühnsten Zukunftöträumcn vcrwob. Begehren und Haben sind Eins geworden; und trotz manches finstern Gesichts, das jetzt mit einer langen Nase abzieht, wagt Keiner, dem drängenden, wogenden Sturme ernstlich Widerstand zu leisten. Fürsten, die erst noch ihrem Princip starr anhin­gen, beugen sich vor der Stimme des Volkes, Gottes Stimme iu ihr erkennend; Männer, die noch vor vierzehn Tagen Schildknappen der Reaction waren, sind plötzlich bekehrt; Alt und Jung begrüßen einmüthig den Stern des Vvlkercvan- gelinmS'. Ein Pfingstscst scheint den heiligen Geist sogar über die Ungläubigsten cmSgegvssen zu haben. — An diese allgemeine Bewegung, und nicht zuletzt, hat sich auch Würtcmberg freudig angeschlossen. Eben komme ich von dem Schloßplätze, wo man dem Könige für die im reichsten Maße gemachten Concessionen ein viel- tausendstimmigcs, festliches Hoch gebracht hat. Acht bis zehn Tausend Menschen wogten ans dem großen Nanme vor dem neuen Schlosse auf und ab. In größter Ruhe und Ordnung gingen sie auseinander. Mit solchem Geiste muß die Freiheit siegen. Schon ist das kaum Mögliche Wahrheit. Wir haben unbeschränkte Preß­freiheit, Volksbewaffnung, Ocffentlichkcit und Mündlichkeit, Berechtigung zn Volks­versammlungen, Vereidigung des Militärs aus die Verfassung — knrz, alles das