EliaS und das Oratorium.
Vor einigen Tagen, am Geburtstage Mendelssohn'S, wurde sein letztes gro- ßes Werk, der „EliaS," in dem Saale des Gewandhauses in Leipzig, wo wir noch tausendfältig an den herrlichen Meister erinnert werden, von einem noch mehr als gewöhnlich anserlcsenen Personal dargestellt. Wie alle Werke des Künstlers, enthält auch dieses einen reichen Schatz seelenvoller Klänge, die Magie tiefer, aus der Seele strömender Sehnsucht wechselt mit den Schaudern eines gewaltsam seine Schranken überströmenden, heiligen Zornes, weiche Rührung mit den Schrecken einer wilden Leidenschaft. So sehr aber dieses Werk im Einzelnen das Interesse in Anspruch nahm, so wenig war von einem überwältigenden Totaleindruck die Rede. Es ist offenbar, daß die Aufgabe selbst eine falsche ist. Betrachten wir diese Aufgabe genauer.
Daö Oratorium wurde ausgebildet iu einer Zeit, in der die überströmende Innerlichkeit des Protestantismus nach einer äußerlichen Gestaltung seiner göttlichen Visionen rang. Händel, Graun, Klopstock waren Zeitgenossen. Damals ward eS Mode, eine eigne Art von Antike, ungefähr wie wir sie noch bei den burlesken Statnen ans dem Wilhelmsplatz in Berlin sehen, oder in den Bildern von Sanssouci, eine neumodisch srisirte Antike, mit Pnder im classischen Haar, in den verschiedenen Zweigen der Kunst anzustreben. Das damalige Christenthum mußte auch im Haarbeutel gehn; Namlcr, der zierliche Zopfpoet, schrieb christliche und antikisirende Oratorien --- die Juo und den Messias. Man wollte das Nützliche mit dem Angenehmen vereinigen, den Concertsaal mit dein Betpnlt. Das Herz befriedigte sich an den Psalmen, die Sinnlichkeit an den zierlichen Arien. Der Tod Jes» ist ein Muster dieses StylS; ein christlicher Chorgesang, ein leidlich frommes Recitativ, in welchem der vorliegende Gegenstand näher erörtert wurde, deun eine zierliche Arie mit den angemesseneu Länferu uud Trillern. Händel war kühner; in seinen Chören vibrirt die Bewegung der Seele über die enge Klause der conventionell pietistischen Rührung hinaus; es ist in manchen seiner Oratorien eine dramatische Tendenz, die Charaktere werden, so gut es gehen will, festgehalten, es ist ein Fortschritt in dem Strom der Töne. Doch bleiben es immer einzelne, durch den dünnen Faden- des Recitativs aneinandergewebtL Musik'