(Lin Besuch bei Beranger.
In der ersten Zeit meines Aufenthalts in Paris wohnte ich in einem Hofe von klösterlichem Aussehn, der durch zwei Reihen hoher düsterer Häuser gebildet war. Er hieß der Passage Violet. Dicht daneben, nur durch ein vorstehendes Haus geschieden, brauste ein Strom von Menschen die gewundene Linie der Riw «1u I?aul)<iurA- ?ois8»niizrv herab, aber der Passage Violet blieb still und öde wie eine entlegene Insel, auf der nur landen, die dort wohnen. Anch die Frühlingssonne, die doch in Paris so ganz besonders mild und menschenfreundlich ist, wollte Mit dem Passage Violet nur wenig zu thun haben, sie kam des Morgens zum Besuch auf eine kurze Stunde, fast gleichzeitig mit dem alten Leiermann und dem Handelsjuden 5 der nach alten Kleidern fragte, und ward dann den ganzen Tag über nicht mehr gesehen. Um so freudiger wurde sie begrüßt. Wenn ich beim Frühstück saß und sie mir plötzlich in das Buch und aufs Papier gnkte, brachte sie mich mit einem Male aus der grauen Stimmung, die uicht selten von dem ernsten Quartiere auf meine Seele übergegangen war. Ich schlug dann wohl das Fenster auf; blickte nach meinem theuern Freund und Nachbar I. Venedey, der dort drüben schon längst an Korrespondenzen für deutsche Blätter schrieb, die doch eigentlich alle nur Liebesbriefe des Exilirten an die ferne Heimath waren, und rüstete mich zum Ausgehn. Indeß ließ sich die Drehorgel in klagenden Tönen vernehmen, der alte Leiermann hustete und begann mit lauter Stimme sein Lied I^e äieu 6v8 bons Aon«:
II V5t UN Divu; llovimt lui »i'inelino, ?imvi-ö et Lontont, »an» tui clvm-tnävr rie». vv t'unlver» od»<!rvant l» mkvlline. ^ voi» <Iu mitt, «t n'-ümv quv lo bivli.
Tag für Tag hörte ich dasselbe Lied und hörte es gerne. Ich dachte dabei an den, der es gedichtet: an Beranger. Welch' ein Glück für ein Volk, dachte ich, ist es doch, einen Dichter zu besitzen, der gleichmäßig zu allen Klassen der Bevölkerung spricht, der auch den Aermsten und Geringsten zu seinem Tisch ladet und Lieder zu verschenken hat, zu deren erfreulichem Verständnisse» wie zu dem eines guten Glases Wein oder eines warmen Sommertages man nur ein mensch-
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