Der Papst und seine Reformen,
Paris, Ende April.
Zwischen den übertriebenen Hoffnungen nnd dem mehr oder weniger feindseligen Mißtrauen, deren Gegenstand die ersten Regiernngshandlnngen des Kirchenoberhauptes gewesen sind, ninß man besonders seit der Veröffentlichung des neuen Censuredicts die rechte Mitte innehalte» und Alles, was in Rom oder in Italien in der Umgebung des nenen Papstes vorgeht, sowohl von dem Gesichtspunkte der Religion als auch von dem der Politik ans niit möglichster Unparteilichkeit betrachten.
Man kaun die liberalen Absichten Pins IX. nicht mehr in Zweifel ziehen. Sie treten täglich in allen seinen Worten und Handlungen auf die unzweifelhafteste Art und Weise an's Licht. Wenn man seine politischen nnd administrativen Reformen im Einzelnen prüft, so erkennt man auf den ersten Blick, daß sie alle von einem neuen Geiste durchdrungen und von der Idee des Fortschrittes gestempelt sind. Jede derselben hebt einen Mißbrauch oder ein Vorrecht ans, um der öffentlichen Meinung Genüge zu leisten, um die Interessen und Rechte gleichmäßiger zu ordnen, nm die Verbesserungsplaue zu begünstigen nnd das Wohlbefinden der Massen zu vermehren. Offenbar hat der neue Papst eben so viel Vertrauen zu dem Volk als zu seiner eigenen Macht, und daher kömmt diese tiefe Zuneigung, die die Römer jetzt schon mit ihm verbindet, daher kommen jene Worte der Ermuthigung, die er aus dem Munde des Volkes selbst zu hören bekommen hat: „Oora^m, corilMi, i>>wt(> ?i»clie, Kllatvvi nel vvstro xvpoto."
Der Geist des modernen Liberalismus, den man nicht mit der Gemeindefreiheit oder irgend einer anderen Freiheit des Mittelalters verwechseln darf, ist also endlich bis in die Concile Roms und des heiligen Stuhles gedrungen, und es ist unbestreitbar, daß er dort in derselben Art und Weise wie überall anstritt, daß er dort Reformen zn Stande bringt in dem Sinne nnd nach den Plänen, die ihm eigenthümlich sind, das heißt, indem er ge-