T a g e b u ch.
i.
Neu« st « Erzähl uugsliter «tu v.
Die literarisch-biographischen Romane und das Publicum. — Bürger, ein deutsche« Dichterlebcn von Otto Müller. — Historie und Roman- — Kaiser und Narr von Heribert Rau. — Roman cder Weltgeschichte? — Vergangenheit und Gegenwart. — Religion und sociale Zustände- — Weiße Sclaven, Roman von E. Willkomm. — Unter Haft gehaltene Vollendung. — Elegante Aeußerlichkeit. — Verdacht der jesuitischen Verdächtigung. — Die Jesuiten in England und Oesterreich, Roman oder Wahrheit?
Als A. von Sternberg einst seinen „Lessing" veröffentlichte, frohlockte die Critik über dieses neuausgefundene Genre des biographischen Romans und erwartete davon im größern Publicum für das volle Verständniß und das rechte Anerkenntnis^ Lessing's in allen Entfaltungen seiner literarischen Wirksamkeit eine bis dahin umsonst herbeigewünschte Wirkung. Aber, gestehen wir es offen, das Publicum nahm diesen Roman eben auch nur wie einen der vielen biographischen Romane auf, die uns die historischen Menschen im Hauskleide vorführen und ging nur wenig der tiefern Absicht desselben nach. Es lag ihm zu wenig romanhafte Staffage um dieses Dichterleden gestreut und es fand sich sogar weit mehr von dem Rococowirrniß des „Möllere" angezogen, aus dessen Leben Sternbcrg einige Episoden auf ähnliche Weise romantisch verarbeitete. „Lessing" blieb ein fast nur auf literarische Kreise beschranktes Werk und fand nur dort ein recht anerkanntes Verdienst. Nicht besser erging es „Hölty" von Voigts, und „Schiller's Jugendjahren" von H. Kurz. Die Literatcn lasen sie, die Critik lobte sie, das Publicum aber ließ sie thcilnahmlos vorübergehen. Unterdessen ist nun freilich die Theilnahme an den innern Ereignissen der Literatur und ihrer Vertreter auch in den größern Kreisen der Lesewelt mächtiger geworden. Aber dennoch fanden sich bis auf den heutigen Tag nur wenige Dichter, welche mit irgendwelchem Erfolge dem Ziele ähnlicher psychologischer Schilderungen nachgegangen waren, und die Literatur schien bereits auf dem Punkte zu