Reifebilder aus Polen.
von
C. Göhring.*)
l.
Nach einer nicht allein höchst unangenehmen, sondern auch gefahrvollen Reise durch die sumpfigen Brüche von Podlachien, welche sich, ohne irgendwo auf eine größere Strecke unterbrochen zu werden, vom Flusse Wiepsch (Wie^) bis zum Bugstrome ausbreiten, gelangte ich zur lithauischen Grenze, und zwar in das Städtchen Wlodawa.
Dürftig, traurig und öde liegt dieses Städtchen, das an den Begebenheiten der letzten polnischen Revolution zu einiger Bedeutung gelangt ist, in der flachen Gegend. Der polnische Lcmdcscharakter prägt sich deutlich auf ihm ab, noch viel deutlicher aber der Charakter der neuesten polnischen Geschichtsperiode.
Russische Soldaten, vornehmlich Kosaken, welche zu Bewachung der Grenze hier liegen, treiben sich, meist betrunken, auf den breiten Straßen umher, deren Häuser nur mit sehr wenigen Ausnahmen Hütten sind, und zwar Hütten, welche bis auf Heerd und Schornstein aus nichts anderem als Holz bestehen.
An allen Ecken und Enden wimmelt es von Juden, die sich nach ihrer hiesigen Weise, in geschäftigem Müßiggange, der beim Zufall Gewinn sucht, umherdrehen.
Mit den russischen Soldaten scheinen diese Juden sehr befreundet; sowie jene mit ihnen. Hier sieht man Soldaten, mitten in
*) Die Schriften des Herrn Göhring: Polen unter russischer Herrschaft (3 Bde. Leipzig 184Z) und Warschau eine russische Hauptstadt (2 Bde. Leipzig 1844) sind unsern Lesern wahrscheinlich wohl bekannt. D. Red.