T a g e b u ch.
i.
AuS Weimar.
Volksfest. — Weimar'sches Leben. — Rabenväter. — Sehenswürdigkeiten. — Schauspieler Grass. — Zwei Anekdoten über Göthe. — Göthe's Wohnhaus. — Schiller's Haus. — Schiller'schcs Autograph. — Fürst Pückler-Muskau. — Raupach. — Franz Schuselka.
Wenn jetzt ein Fremder an einem schönen Nachmittage nach Weimar kommt, so findet er die Straßen unserer Residenz noch stiller und ruhiger als gewöhnlich; wendet er den Fuß einige Hundert Schritte außer dem Weichbild der Stadt, so meint er nicht blos, daß ganz Weimar, nein, er kommt auf die Idee, daß ganz Thüringen auf der Wanderschaft sich befinde. Das Vogelschießen hat begonnen, und der große Platz vor dem Schieschause, wie die Allee
„Faßt nicht die Zahl der Gäste,
Die wallend strömen zu dem Wunderfeste."
Es ist etwas Eigenthümliches um diese Volksfeste. Wie gerne stürzt man sich in dieses summende Gewühl und laßt sich fortreißen von dem bunten Treiben der Menge. Hier geht die hübsche Thüringerin in ihrer sonderbaren Landestracht, mit der riesigen Federnmütze, ähnlich dem Kopfschmucke der peruanischen Häuptlinge, und dem breiten wallenden Bandschleier, verfolgt vom schlanken Offizier, der das Herz unter dem hochwattirten Busen für die landliche Schöne schneller schlagen fühlt; der Staatsmann und der schlichte Bürger sitzen in friedlicher Eintracht neben einander in einer der vielen Wurst- und Punschbuden, lassen die drängende Menge vorüber passiren, oder ergötzen sich an den Seiltänzerkünsten, die eine wandernde Bande auf freiem Felde zum Besten gibt. Ein Nabenvater laßt sein neunjähriges Kind, ein hübsches blondes Mädchen, auf einem thurmhock) gezogenen Seile auf- und abwandeln. Es erregte in mir ein unbeschreibliches Grauen, als ich das arme liebliche Wesen von der schwindelnden Höhe herab dem gaffenden Volke Küsse zuwerfen sah. Wie viel Prügel und Mißhandlungen von der Hand des rohen Vaters mag die Bedauernswerthe erduldet haben, ehe sie zu dieser Kunsthöhe gemartert