Beitrag 
Tagebuch.
Seite
341
Einzelbild herunterladen
 

T a g e b u ch.

>.

A us W i e n

Kopitar's Rachlaß. Kaufmann und Gelehrter. Religionsphilosophie. Staatsbahnen. Straßenbeleuchtung. Hofequipage und Kulscke. Wir­kung der Polizei auf die Börse. Literarischc Gäste. Ce> surprobe. Militärisches Schauspiel. Graf von Bellegarde. Militärische Erhebun­gen. Uniformreform. Truppenversammlung. Mordthat. Selig­sprechung. Volksfest.

Der sehr werthvolle Nachlaß des verdienstvollen Slavisten Kopi- tar, der im verflossenen Jahre als Hofcath und erster Custos bei der Hofbibliothek starb, soll jetzt nach einer Bekanntmachung des Dr. Bach versteigert werden, falls sich nicht ein Kaufer für das Ganze fände. Dies letztere wäre allerdings möglich, denn der Verstorbene befand sich in einer für seine literarischen Neigungen höchst günstigen Lage und hat eine äußerst interessante Sammlung seltener und wichtiger Schrif­ten für das Studium slavischer Literaturen angelegt, wozu ihm seine Abordnung im Jahre I8Ii> nach Paris, um die Herausgabe der von den französischen Armeen bei ihren wiederholten Einfallen in Oester­reich weggeführten Bücherschätze zu betreiben, nicht geringen Vorschub leistete, indem er bei dieser Gelegenheit die persönliche Bekanntschaft gelehrter Bibliothekbesitzer machte und sie für vortheilhafte Erwerbun­gen und Umtausche benutzte. Wie man hört, soll die russische Ge­sandtschaft auf Vorschlag des hier wohlbewanderten Sresniwosky vom Unterrichtsminister Uwarow in Petersburg den Austrag zum Ankauf dieser für slavisches Schristwesen so wichtigen Schatze erhalten haben.

Ein gelehrter Gast aus Nußland hat sich gleichfalls seit einigen Wochen hier eingefunden, um die Manuscriptsammlung der Hofbiblio­thek zum Behuf seiner Forschungen im Gebiete der hebräischen Litera­tur auszubeuten. Salomon Werblumer ist aus Rossein in Nußland und kam über Dresden und Prag hierher, hat aber alsbald die Er­fahrung machen müssen, daß er sich in keinem Lande befinde, in dem bereits die vielerörterte Frage der Judenemancipation glücklich gelöst sei; denn die hiesige Polizeibehörde wollte ihm den Aufenthalt nicht gestatten, weil in seinem russischen Passe, ich weiß nicht aus welchem Grunde, er als Handelsmann bezeichnet war und israelitischen Kauf-