Die politische Aensierlichkeit
Der Geschichlstrom unsers Jahrhunderts, der vom Blut der Völker geschwellt mit hochbrausenden Wogen über die Welt stürmte, hat sich in die Tintenfässer der Diplomaten verlaufen. Die runden Tische der Mi- lüsterconferenzen oder wohl gar die Fensternischen, in denen man nach diplomatischen Schmäusen die Zähne stochert ur d nebstbei Völker zerreißt und Reiche flickt, oder noch häufiger die Liegsessel diplomatischer Weiber, die bekanntlich sehr geschickt und gern ihre Eroberungen mit denen ihrer Ehegatten zu vereinigen wissen, das sind die Schauplätze unserer Weltgeschichte. Mit wenigen Ausnahmen sind die Völker auf dem Welttheater wieder nichts als Statisten und Handlanger oder höchstens Zuschauer, die für ihr gutes Geld mit entblößtem Haupt ansehen dürfen, was man außer den Coulissen geschehen zu lassen für gut findet, die auf alle Weise verpflichtet sind, aus Leibeskräften zu klatschen, aber bei schweren zeitlichen und ewigen Strafen nicht zischen dürfen. Diese Klage aber sprechen wir nicht blos zn Gunsten der Volker aus, sondern im selben Maaße und mit derselben Dringlichkeit zu Gunsten der Fürsten, welche heutzutag in dem Weltschau- spiel ebenfalls keine andere Rolle spielen, als daß sie dabei eben in der Hofloge sitzen. Und dies alles gilt nicht etwa blos von absoluten Staaten, sondern auch von den konstitutionellen; der Unterschied der letztern besteht nur darin, daß hier die auserlesene» Inhaber von Logen und Sperrsitzen in den Zwischenakten des Schauspiels über die Akte laut und möglichst weitschweifig reden, über die kommenden Akte Vermuthungen und bescheidene Fragen auösprechen und höchstens mit einigem Brummen und Poltern verlangen dürfen, daß der Vorhang