Drei Wochen ans Helgoland
Aus dcm Tagebuche des alten Comödiantcn.
Juli 1845.
Ich habe meine Sommerferien angetreten; das heißt: die Ferien, welche ich mir jährlich selber zugestehe, und die aus einem Sommer- und einem Wintermonat bestehen. Da athme ich frei auf von den Anstrengungen der übrige» Zeit, in welcher ich im Dienste des Publikums stehe, suche mir einen Ort aus, wohin mich meine Künstlerlaufbahn sonst nicht führen würde, schleudere meinen Sorgenbündel weit hinter mich, und lebe froh und glücklich, fern von Neid unv Intrigue, fern von dem abspannenden Gedränge alltäglicher Umgebung, mich stärkend und vorbereitend, um nach abgelaufener Erho- lungöfrist mit frischer Kraft und neuer Anregung meinem Berufe folgen zu können. —
Ein kleines, aber vortreffliches Büchelchen: „Helgoland" von Wienbarg, welches mir vor Kurzem in die Hände fiel, erweckte die Sehnsucht in mir, diesen in die Nordsee hingeworfenen Felsblock mit seinem sonderbaren Völkchen kennen zu lernen. Immer rasch in meinen Entschlüssen saß ich schon nach wenig Tagen am Bord des Dampfschiffes, welches uns von Hamburg aus im schnellen Fluge nach dem Ziel unserer Wünsche bringen sollte.
Einen sonderbaren Eindruck gewährt der Anblick der sonst so lebhaften Wasserstraße zur Zeit der Ebbe und Windstille. Alle Schiffe liegen ruhig und regungslos vor Anker, selbst die Mannschaft glotzt unbeweglich und lautlos gleich versteinerten Gestalten unserem Fahrzeug nach, welches getrieben von der Riesenkraft des Dampfes wie auf Sturmesflügcln vorwärts eilt; dem Wanderer im Mährchen gleich,
Grenzbot-n, 1845. III. 31