Nicolans Lena».
Wie der Pilger auf dem Wege zum Gnadcnorte gewisse geheiligte Punkte findet, wo er uiederknicet uud betet, so hat jeder Mensch gewisse Punkte in seinem Leben, bei denen er mit Andacht und betend verweilt, wenn er in Gedanken zurückpilgert zur heiligen unentweih- ten Jugendzeit. — Ein solcher Punkt, eine solche heilige Periode ist mir die Zeit, die ich mit NicolauS Lenau in Wien verlebte. — Mit Andacht verweilt meine Erinnerung bei ihr, mit inniger, frommer Freude versenke ich mich in die reichen Stunden, die ich in seinem Umgange verlebte. — Nicolaus Lenau war der Dichter meiner Jugend, andere habe ich mehr bewundert, ihn habe ich geliebt. — In dem kleinen Landstädtchen, in dem ich meine Jugend verlebte, erfuhr ich nichts von einem Dichter Lenau, bis mir sein Freund, der Frühling, einen Gruß von ihm brachte. Ich ging auf den Feldern und ftudirte meine Classiker für die Schule, da treibt mir der Frühlingswind ein Notenblatt entgegen; ich fange es auf und lese das componirte Lied „An die Wolke" von Nicolaus Lenau. — Es war das erste Mal, daß ich diesen Namen las, aber über dem Lied vergaß ich meinen Classiker; das frische innige Leben, das mich daraus anwehte, welchen Contrast bildete es gegen das Vermoderte, Leichenhafte, in das ich mich pflichtgemäß einwühlen mußte! — Umsonst war all' mein Nachfragen nach dem neuentdeckten Dichter, Niemand im Städtchen konnte mir Auskunft geben, erst in Prag las ich seine Frühlings- und Polenlicder, seinen Savonarola und Faust. — Wie viele Dichter haben mich erhoben, sortgerissen zur glühendsten Bewunderung, Lenau's Lieder machten mein ganzes Wesen vib- riren und erfüllten mein Herz mit Herbstpoesie und mit geheimniß-
Grcnzboten, I8iü. IN. 24