Die letzte Versammlung des Bnrgervereins in Königsberg.
Aus einer nächstens erscheinenden Schrift: „Erinnerungen an Königsberg."
Es war ein schöner Abend, der des 27. Aprils, und er lockte so anmuthig, so geheimnißvoll-träumerisch hinaus in's Freie, namentlich nach Holbstein, wo man das Haff sieht und sich auf dem Meere träumen kann, und das ist für den Poeten gar süße Lockung; — aber in der Stadt lockte mich etwas Anderes oder hielt mich vielmehr gigantisch fest und spannte meine Brust und machte das Herz höher schlagen i ich sollte zum ersten Male einer der weit- und vielbesprochenen Versammlungen des Bürgervereins beiwohnen, und diese Erwartung rechtfertigte gewiß jene Gefühle, wenn man bedenkt, wie lange ich in den politischen und geistigen Einöden von Preußisch-Polen, Lithauen und Massurcn umhcrgestreift, lechzend wie ein Wüstenwandercr nach der Oase, nach Königsberg geschaut, und nun auf einmal inmitten des vollsten, kräftigsten Gedankenlebens dieser Stadt gestellt werden, lebendig vor Augen haben sollte, was mir bisher nur als Ironie oder schöner Traum vorgeschwebt: eine echte Volksversammlung, auf gesetzlicher Grundlage ruhend und doch bewegt und getragen von politischem Gefühl und männlich-freiem Selbstbewußtsein. —
Um sechs Uhr ging ich zu Walesrode; das ist ein großer, starker Mann, mit krausem, blondem Haar und langem, starkem Barte, einer hohen, gedrungenen Stirn über scharfmarkirtem Gesichte von feurigem, raschem Wesen. Seine Sprache ist bilderreich und lebendig, sein Organ ist stark und sonor. Er führte mich in die Kupfergasse, zum „Altstädtischen Gemeindegarten," dessen Saal schon vor hundert Jahren den Bürgern Königsbergs zur Versammlung gcsel-
Grenzbotcn, ISiS. III. 14