Gin Besuch bei Jtzstein in Hallgarten.
Das Dampfschiff landet wiederum, wir sind am Ziele, das ist Oestrich. Wir sind im Herzen des Rheingaues. Wie rasch war diese Morgenfahrt, kaum wenige Stunden haben wir Mannheim verlassen, an Wormö mit seinen Erinnerungen an die Nibelungenhelden „von grozer Arebeit" bis auf Luther, an Oppenheim mit seinen Bergkirchen , in denen Tausende von Schädeln erschlagener Krieger aufgeschichtet liegen, hier wo Gustav Adolph auf einem Scheunenthore über den Rhein sehte, an dem goldenen Mainz mit seinem Gutenberg, seinem Walpod von Bassenheim und vielen anderen lichten Erinnerungen, an dem stillen, verödeten Biberich vorbei. — Welch ein Leben auf dem Schiffe! Der helle, frische Sotttitagömorgcn leuchtet aus den Angesichtcrn der Menschen. Wir treffen einen Bekannten, andere schließen sich an, da fliegt die Rede herüber und hinüber, die Geister sind wach und schauen klar um sich; alle Interessen der Zeit finden ihre Verkündiger. Reden und Thaten, die die Bevormundung vom öffentlichen Ausdrucke abhält, schicken ihre lebendigen Sendboten hinaus in die Welt, und werden fortgetragen wie eine wehmüthig süße Botschaft. Die Eisenbahnen sind wohl ein schönes Beförderungsmittel, das heitere, freie Leben ist aber nur auf dem Dampfschiffe, und zumal auf dem Rheiue. Da wandelt man frei hin und her, da sieht man sich, da grüßt man sich, belebend und kräftigend dringt der Wellendust herauf zu den Menschen. Wir sind am Ziele — da ist Oestrich. Wir stehen unter der Linde am Ufer. So gering auch die Wasserfahrt ist, so erregt es doch eine eigenthümliche Empfindung, wenn man wieder auf festem Boden steht, gleich als ob mit den Wellen des Stromes, die sich glätten und still dahin gleiten, auch die Blutwellen in uns wieder beschwichtigter und stiller fließen. Die
Grenzbolcn, I«5S, III. 13