Gin Brief aus Nizza.
Liebe--
Nice, im März 1845.*)
Diese Zeilen sind endlich wieder der erste Versuch schriftlicher Anstrengung. Wie wohl thut es, wenn nach und nach mit der Rückkehr der Gesundheit auch die Seelenkräste erstarken! Noch immer indeß schwebt, wie das Schwert des Demokles, die Gefahr über meinem Haupte, durch die geringste Erkältung Körper und Geist auf'S Neue zerstört zu sehen. Soll ich leben, nicht vegetiren, muß ich den Gebrauch meiner fünf Sinne wünschen, und Gott sei gepriesen, es ist Hoffnung da, mir diese zu erhalten. Was man unter solchen Umständen in fremdem Lande leidet, darüber will ich schweigen. Nur Hände, deren Dienste sich mit Geld erkaufen ließen, konnten für meine Pflege thätig sein, so lange meine Nähe Gefahr bringend war. So blieb ich denn zwei lange Monde muttcrselig allein, und während bei Euch die fröhlichen Lichter an Weihnachtsbäumen brannten, blieb mir nicht einmal für die Freude Anderer etwas zu thun übrig, als meiner Wärterin zu erlauben, mich auf einige Stunden zu verlassen. Fügungen des Schicksals — wer kann sich denselben entziehen? Meine Pläne, Wünsche, Hoffnungen waren auf Sand gebaut, wie daS wohl manchmal so geht, und das schöne Italien mit seinen Orangcnhainen, dem ich wie einem gelobten Lande zueilte, ist mir ein elender Kerker geworden. Doch ist es schön hier.
Dieser Brief, von einer jungen deutschen Dame, die gegenwärtig in Nizza lebt, war keineswegs für die Oeffentlichkeit bestimmt. Die Details in demselben tragen daher ganz den Stempel einer Familienmittheilung. Die Tante der Bricfstellerin, eine unserer geachtersten Schriftstellerinnen, hatte die Freundlichkeit, dieses Schreiben uns zur Benutzung für die Grenzboten mitzutheilen, und wir haben, um ihm nichts von seinem Charakter zu entziehen, wenig daran geändert und nur einige dem Privatleben zugehörende Stellen ausgelassen. D. Red.
Gtcnzl'vtc» Isis. II. 32