Wanderungen durch München.
Aus den Maitagen 1844. Von einer Süddeutschen.
Zweite und letzte Abtheilung.
Ich habe Dir von den Lebenden Manches erzählt, warum nicht auch etwas von den Todten, in denen man jene mit manchen Zügen erst ganz kennen lernt. Vom Sendlingerthor an begegnet man schon Leuten, die mit traurigen Mienen vom Gottesacker zurückkommen oder mit Blumen und Kränzen hingehen. Wie einem im Weltleben heiße Sehnsucht faßt nach der einsamen Natur, so in dieser Leichcnstadt nach einem einsamen Grabe. In Gesellschaft zu modern, ein gräßlicher Gedanke, denn der Tod ist ein heiliges Geheimniß im Busen der Natur. Auf solchen großen Sterbegefilden wird er zum Markte. Dieses Meer von Gräbern, diese erstarrten Wogen! Dazu der Ausbund von Philisterei, die Monumente in Schränken, in Futteralen, die nur an Galla-, d. h. an Allerseelentagen, geöffnet werden; der Büsten gar nicht zu gedenken, die gleichsam strangulirt sind von einem Halbwelten Blumengewinde. Etwas Zopfmäßigcs liegt darin, daß auf jedem Denkmale: „Familie so und so" steht, auch der Name des Sculptors groß in der Ecke. Besonders oft kommt eine Witwe vor, welche ich Anfangs für die Leidtragende hielt, die aber immer wiederkehrte und also endlich doch nicht Mutter, Gattin, Waise und Schwester der ganzen Welt, sondern nur Inhaberin einer Fabrik sein konnte. Ich möchte doch keine von den Enstenzen, die reich und fett vom Jammer werden. Jedes Denkmal hat so eine Art von Hausnummer. Das Gothische herrscht vor und verdrängte völlig die schwebenden Genien. Kaum daß noch hier und da ein Grabmal austaucht, in Grün versunken, grau und bemoost, von Büschen übe»
Gr-nzbotci,, I»«s. ll. 28