T a g e b u ch.
i.
Die Schweizer Frage.
Aus Wien.
Die Schweizer Wirren beschäftigen gegenwärtig unter allen Fragen auswärtiger Politik am meisten das Publicum, und wenn auch der große Haufe, der die Wichtigkeit staatlicher Vorgänge blos nach dem materiellen Gewicht abschätzen kann, womit dieselben in die politische Wagschale fallen, sich kaum anders darüber vernehmen läßt, als in dem Tone spöttischer Geringschätzung, so entgeht dem Tieferblickenden die Bedeutung der schweizerischen Begebenheiten in keiner Art, und man weiß hier recht gut, was daran hängt. Der Bürger großer Monarchien besitzt unter allen Umständen einen Sinn für das räumlich Großartige und er mag es nicht leiden, wenn das Kleine große Interessen ausfechten will; diese in großartigeren Verhältnissen auferzogene Anschauung der Dinge ist indeß nur ein trübseliges Surrogat für die Verkürzung der Individualität, welche denn doch immer Hauptsache bleiben muß, und es liegt eine ironische Verzweiflung in dem Hohn, womit die Einwohner mächtiger, nach absoluten Prinzipien regierter Staaten die Bewegungen kleiner Staaten verfolgen, denen sie äußere Bedeutungslosigkeit vorwerfen, weil sie wissen, daß sie selbst an der innerlichen leiden und siechen. Auch fehlt es nicht an solchen, welche die Frage aufwerfen, ob man denn nicht einmal von dem schon so oft mißbrauchten Recht der Intervention abstehen werde, das im Verlaufe der neuern Geschichte noch niemals bleibenden Vortheil verschafft hat, sondern immer nur zum Schaden der intervenirenden Macht ausgeschlagen ist. Der große blutige Kampf der fünfundzwanzigjährigen Revolutionskriege mit allen seinen tiefen Wunden, an denen das Finanzwesen der meisten europäischen Staaten so bedenkliche Nachkuren anstellen muß, ist gleichfalls blos eine Folge der Einmischung fremder Mächte in die innern Angelegenheiten Frankreichs gewesen, welche wahrscheinlich ohne die Reichenbacher Convention und das Manifest des Herzogs von Braunschweig niemals die extreme und königsmör-