Briefe ans London
November.
Die öffentlichen Belustigungen sind immer der Ausdruck des Zeitgeistes und der bestimmten Bildungsstufe eines Volkes gewesen. Die Olympischen Spiele der Griechen, die Gladiatoren-Kämpfe der Römer, die Turniere des Mittelaltcrs deuten auf kriegerische Völker, die im Rausche der Eroberung befangen waren. Die fröhlichen Spiele, die Tänze und Feste Italiens und Frankreichs sind bezeichnend für den leichtfertigen Charakter dieser Länder, für die Eleganz ihrer Sitten und für ihre Liebe zu den Künsten. Die Volksbelustigungen sind roh oder harmlos, einfach oder übermäßig verfeinert, je nachdem die Völker einen höheren oder geringeren Grad der Bildung erlangt haben. Wer würde den John Bull, der vor zwanzig Jahren auf seine Derbheit, seine Stiefeletten, seine kurzen Beinkleider und seinen Ucbcrrock mit langen Schössen noch so stolz war, jetzt in einem modernen Anzüge und mit seinem feinen Benehmen wiedererkennen? Von diesem Einflüsse, der eine so außerordentliche Umwandlung zu Stande gebracht hat, haben sich auch die öffentlichen Belustigungen nicht frei erhalten können.
Ehemals bildeten gemeine Ausschweifungen den Schluß jeder Gesellschaft, jedes Gastmahls, jedes Balles. Wie anders ist das jetzt? Wer kennt nicht Almack? Dort herrscht ein weibliches Conseil als unumschränkter Herrscher, vor dem sich Alles beugt und dessen Aussprüchen sich Jeder unterwirft; gegen seine Beschlüsse findet keine Appellation statt. Er wägt in seiner Waage die Stammbäume derjenigen, welche sich zu seinen glänzenden Versammlungen drängen; er entscheidet, ob sich die Thüren des Heiligthums den Bewerbern eröffnen sollen, und mögen diese Entscheidungen auch noch so Willkür-