Cin Gespräch mit Bettina.
Bon F. Gustav Kühnc.
Mit BettinenS Königsbuche ging es mir wie mit den frühern Büchern des Kindes. Ich verschlang es rasch, in Einem Zuge, und fühlte den Trank in meinen Adern wie glühenden Ungarwein. Ich las es zitternd und schäumend, ohne Rast, ohne zu verschnaufen; ich fürchtete mich vor dem Erwachen aus diesem Rausch. Dieser Rausch der frcihcitstrunkenen Seele sollte das Werk einer Nacht sein, ich mußte diesen heißen, dampfenden Inhalt ganz in mich aufnehmen, bevor der graue Herbsttag seine feuchten Augen wieder aufriß und die nüchternen Guten-Morgen-Menschcn mich angähnten. Ich schämte mich nicht der durchschwelgten Nacht, aber ich fürchtete mich vor dem Schnupfen, denn meine Wange war fieberhaft geröthet und der helle Morgen naßkalt. So erging es mir mit dem Kvnigöbuche. Früher hatte das fanatische Kind in Poesie und Kunst das Evangelium einer freien Naturrcligion verkündet; jetzt hat Bettina die Brandfackel in das wirre Gebäude, das wir Politik und Staatsweishcit nennen, geschleudert. Der Gegensatz zwischen trunkener Nachtschwärmern und nüchterner Wirklichkeit ist diesmal weit greller. Ueberall, wo ich ging und stand, in der Weinstube, an der Wirthstafel, im Caf<- und am Theetisch, überall, Tage lang, Wochen lang schlug mir das naßkalte Raisonnement der Leute entgegen. Ich las nun das Buch zum zweiten Mal, zwang mich selbst, nüchtern zu sein, und ging eilenden Schrittes quer über die Berliner Linden, um meine Kritik der Verfasserin in's Angesicht zu sagen.
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