T a g e b u ch.
i.
Gcwissenlvsigkeit deutscher Kritik.
An den Redacteur der Grenzboten.
'--Sie sind seit einiger Zeit wieder in Deutschland, wollen sich in
Leipzig, Berlin, Dresden für den Winter hin heimisch machen, wollen die Zustände deutscher Ocffentlichkeit und deutscher Heimlichkeiten in ihrer neuesten Gestalt kennen lernen. ES kann nicht fehlen, daß wer mit frischer Kraft zu uns kommt, Entdeckungen machen wird; sein Auge ist nicht abgestumpft, seine Sinne von der Macht der Gewohnheit nicht ermüdet. Gegen manches geheime Gebrechen hat der Einheimische kaum noch Gefühl, weil es zur Sitte, freilich zur Unsitte, wurde.
Hierzu gehört das heimliche Correspondenzwcsen in deutschen Zeitungen. Man spricht von dem großen Correspondenzburcau in Paris, in welchem Thaten und Zustände fabrikmäßig erfunden und in alle Welt verbreitet werden, so daß oft ganz Europa auf den verschiedensten Punkten fast gleichzeitig in demselben Netz der Lüg« gefangen ist. -Besonders über den Stand der Dinge in Spanien ward diese Klage laut, nachdem die Täuschung so oft gelungen war- Bei uns Deutschen ist der Betrug nicht so systematisch organisirt. Man treibt den Unfug gemüthlich, Jeder auf eigene Faust. Ich will keineswegs rügen, daß politische Blätter anonyme Mittheilungen bringen. Die Verschwiegenheit der Briefsteller ist vielleicht die Bedingung, unter der sie überhaupt Mittheilcnswcrthcs aus Deutschland liefern können. Nichtpolitifthc Blätter, sogenannte belletristische und kritische, bringen in Korrespondenzen Berichte und Beurtheilungen ganz subjcctiver Art. Man hat dies geheime