Litcrarische Blatter.
I.
Kritiker — Verleger — Publicum,
Die deutsche Literatur hat vor andern auch das voraus, daß ihr Uhrwerk unbedeckt ist, daß die Näder und Schlaghämmer in ihrem Fortschritt wie in ihrer Hemmung von Minute zu Minute verfolgt werden können. — Die Franzosen prahlen mit ihrer Akademie. Es ist wahr, wir haben keine; der deutsche Styl ist von dieser Cen- surscheere frei geblieben. Wir haben in Frankfurt zwar eine gesetzgebende Versammlung, die den ÄuSspruch thut über das, was nicht gc- schrieben werden darf; aber über das, wie nicht geschrieben werden darf, haben wir, dem Himmel sei Dank, zur Zeit noch keine Verbote. Bei den Franzosen ist der Fall umgekehrt: das was ist frei, aber das wie liegt in Fesseln. Aber die Freiheit gibt nicht nur jedem Einzelnen das Recht, für das Wohl des Ganzen zu sorgen, sie macht eS ihm sogar zur Pflicht. Was. thun wir Deutsche nun, um diefe Freiheit zu verdienen?
Die französischen Akademiker gleichen den Spitalärztcn; wenn der Kranke zu ihnen gebracht wird, hat daS Uebel gewöhnlich schon einen hohen Grad erreicht, es hat sich im Körper ausgebreitet, festgesetzt; die Aerzte, die den Krankheitsstoff bannen wollen, zapfen ihren Patienten das Blut ab, schneiden gesunde Theile aus, um zu den schadhaften zu gelangen, und die Genesung wird oft mit einem guten Theil der Lebenskräfte, mit der besten Elasticität der Gliedmaßen erkauft. Die deutsche Literatur ist vor solchen Radicalcuren bewahrt. Der Meßkatalog läuft wie eine große Pulsader durch den Körper der deutschen Presse; man braucht blos hinzufühlm, um ihre