T a g e b u ch.
l.
Journalistische Unbeholsenhcit.
Aller Anfang ist schwer. Dieses Sprichwort kann man tagtäglich in der deutschen Journalistik bewährt finden. Nichts kostet dem Deutschen so viel Mühe, als der Anfang, der Eingang. Wie beginnt man ein Gespräch? Wie beginnt man einen Zeitungsartikel? Der Franzose, der Engländer geht di- rcct aus seinen Zweck los, der Deutsche braucht erst die ungeheuersten Umschweife. Unsere Kritiker beginnen in der Regel jede Recension über eine drei Bogen starke Brochure mit der Erschaffung der Welt. ES gäbe eine komische Galeric, wenn sich Jemand die Mühe nehmen wollte, die Anfänge unserer Zeitungsartikel zusammenzustellen. Ein Engländer würde ihm diese Curiositätensammlung gewiß für schweres Geld abkaufen. So z. B. lasen wir dieser Tage in einem Leipziger Blatte einen leitenden Artikel aus Frankfurt am Main. Dieser leitende Frankfurter hätte gern sein Wort Äber die jetzigen europäischen Wirren ausgesprochen, allein wodurch ließe sich's moti- viren, daß eine solche Beleuchtung Europas grade aus Frankfurt eingesendet wird? Diese Frage scheint ihm große Schweißtropfen gekostet zu haben. Endlich sann der pfiffige Corrcspondent ein Mittelchen aus; er beginnt seine Cor- respondcnz mit folgenden Worten- „In letzterer Zeit haben sich mehrere Ca- binctscouriere aus Ost und West in unserer Stadt gekreuzt, was auf die Vermuthung bringt, es sei irgend eine Angelegenheit von allgemeiner europäischer Wichtigkeit in der Verhandlung begriffen." Nun hat er's. Nun 'geht es im vollen Trabe auf den eigentlichen Artikel los. Die Vermuthung ^ sein Z)ous vx in-tokina. Ohne diese Vermuthung hätte dieser Frankfurtisch- europäische Politiker Alles, was er auf dem Herzen hatte, hinuntcrwürgen Müssen. Die Cabinctscouriere, die er auf der Straße sah, oder vielleicht auch