Gme wunde Stelle unserer Literatur.
Durchblättert man die Meßkataloge der letzten Jahre, so stößt ">an auf den Schacht einer ganz eigenthümlichen Literaturart, den der Buchhandel mit immer größer werdender Vorliebe zu bebauen scheint, ich meine die Fremdwörterbücher.
Fremdwörterbuch! in der That eine mehr als zweideutige Zusammensetzung von Begriffen. Was mag wohl ein Nichtdeutschcr, dem die Aufschrift eines solchen Buches begegnet, darunter verstehen? Fremdwörterbuch — ist dies ein Wörterbuch für Fremde, ein Hilfsmittel, um die deutsche Sprache kennen zu lernen? Oder ist es ein Wörterbuch für Deutsche, ein Hilfsmittel, um eine fremde Sprache Zu verstehen? Leider gibt eS noch eine dritte Bedeutung, und um diese klar zu bezeichnen, wäre es besser, man schriebe, statt Fremdwörterbücher, Fremdenbücher für Wörter.
Die Deutschen haben zu allen Zeiten den Ruf eines gastfreien Volkes davongetragen, und eS ist auch ihr stetes Bemühen, diesen Huf nicht zu verlieren. Nirgends findet das Fremde eine bereitwilligere und zuvorkommendere Aufnahme. Sind es nicht französische Sitten, denen wir unsere Lebensweise, französische Urtheile, denen wir unsere Zeitblätter, französische Dichter, denen wir unsere Schaubühnen einräumen? Wir haben Bewunderung für britischen Spleen, Aegeisterung für englische Nohheit, Geld für spanische Papiere und -ouchdruckcrcien für russische Politik; und die Gastfreiheit, die wir in Literatur, in der Gesellschaft, in der Kunst wie in der Presse Ausüben, sollten wir allein in unserer Sprache nicht gelten lassen? ^'in, Dank den Göttern und dem sparsamen Geist der Fürsten, wir haben keine Akademie, worin die Einbürgerung eines neuen Wortes
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