T a g e b u eh.
i.
Literatur aus und über Oesterreich.
Oesterreich und seine Sw.itSnmnncr. — Revue österreichischcr Zustande. — Oesterreich im I. 18»z. — Nibelungen im Frack.
Die Literatur über Oesterreich war in frühern Jahren pikanter. Wer erinnert sich nicht der zahllosen Reisenovelletten und Reiseskizzen aus Oesterreich, die einst Mode waren, wo jedes Wort wie ein Blitz oder ein Irrlicht großar.- tig die kymmerische Finsterniß da drüben zu erhellen meinte, wo die „Phäaken" unddie„Backhähndel"eineso große Rolle spielten und jede Seile wenigstens ein summarisches Verdammungsurtheil enthielt. Ausländische Touristen pflegten ihre Ferien in dem großen Nachbarreich zu verlungcrn, sahen die fremdartige Welt mit großen Augen an, verwechselten in der Regel Volk und Regierung, Beamte und Laien, und schössen dann, wenn sie wieder über der Grenze waren, todesmuthig ihre glühenden Pfeile zurück in ein Land, das sie nicht verstanden und um dessen Wohl oder Weh sie sich im Grunde des Herzens auch blutwenig gekümmert hatten. Seitdem hat man in Literatur und Politik große Fortschritte gemacht. Auch Oesterreich ist nicht zurückgeblieben; es hat selbst angefangen zu reden und vor seinem ernsten Wort ist plötzlich das leichtsinnige Gezisch und Gezwitscher all der zahllosen Wandervögel verstummt- Die Welt horcht aufmerksamer hin auf diese Kunde über Oesterreich, die aus Oesterreich selber kommt. Die jetzige Oesterreich-Literatur schwillt täglich höher a» und wir wollen nicht läugncn, daß die „Spekulation" (nicht im philosophischen Sinne) auch hier, wie überall, eine der größten Literaturqucllen sein mag; im Allgemeinen aber zeichnen sich diese Schriften aus Oesterreich durch große Wahrheitsliebe und echte wohlmeinende Freisinnigkeit aus. Man darf sich nicht wundern, daß sie weder den koketten Fächer einer glatten, schillernden Prosa, noch die scharfe Streitaxt norddeutscher Dialektik zu führen verstehen. Die