Die Flamänder und ihre Sprachkämpfe
Aus Brüssel.
Das neue rüstige Leben der niederdeutschen Sprache, welches sich seit einigen Jahren in den germanischen Bestandtheilen Belgiens, in Brabant und den beiden Flandern kundgibt, hat für Deutschland ein dreifaches Interesse: ein wissenschaftliches, ein politisches und ein moralisches. Wissenschaftlich — weil dadurch halbverschollenc, deutsche Sprachschätze, vergessene Literatur-Denkmäler wieder an's Tageslicht kommen, die in mancher Beziehung sogar einen wohlthätigen, stärkenden Einfluß auf das moderne Hochdeutsch auszuüben im Stande sind. Politisch — weil Deutschlands Macht nur gewinnen kann, je fester das germanische Element an den Küsten der Nordsee und an den Grenzen Frankreichs festhält. Moralisch — weil es ein schöner, natürlicher, einer großen Nation würdiger Ehrgeiz ist, die Herrschaft ihrer Sprache, die Gewalt ihres Geistes so große Ausdehnung als möglich gewinnen zu sehen.
In Belgien selbst, wo man nach einer im französischen Sinne stattgcfundenen Revolution die Bestrebungen der Flamänder zur Ne- habilitirung ihres Idioms mit Achselzucken und ungläubigen Mienen begleitete, kann man sich nun nicht mehr darüber täuschen, daß die flamändische Sprache einen großen Theil ihrer frühern Stellung wieder erobert hat. Nur fragt man sich: was werden die Folgen dieser sprachlichen „Reaction" sein? Wird sie Bestand haben? Wird sie einen wohlthätigen Einfluß ans die geistige Entwickelung des Landes ausüben? Es versteht sich von selbst, daß die französischen Wortführer der belgischen Journalpresse diese Fragen ganz anders beantworten, als die flamändischen Parteihäupter. Beide Parteien