Französische Poeten.
in.
Alfred de Vigny.
Jenseits der Champs-Elysees, in einer der ruhigsten Straßen von Paris, steht ein Haus von bescheidenem Aussehen, nach welchem man allwöchentlich ein Mal eine fröhliche Schaar von alten wie jungen, berühmten wie unbekannten Schriftstellern und Künstlern eine Pilgerfahrt unternehmen sieht. Der seinen Wohnsitz so weit hinweg von den geräuschvollen Mittelpunkten des modernen Babel verlegt hat, ist ein Dichter, und zwar der amnuthigste, keuscheste und gemäßigteste aller neueren Dichter Frankreichs. Alfred de Vigny ist vielleicht der einzige unter den jüngeren französischen Poeten, der in seiner Dichtergabe einen höhern Beruf, als die Unterhaltung der müßigen Menge erblickt und der erkannt hat, daß der Lorbecrkranz auf des Dichters Stirn nur so lange in unverwelklicher Frische grünt, als das Haupt, auf dem er ruht, der Altar einer keuschen Vefta- linncn - Flamme ist, daß aber, wo unreine, irdisch-schwere Elemente die Muth schüren, die Blätter des Kranzes verdorren und eines nach dem andern abfallen. Ihm ist die Muse stets eine Gottheit gewesen, die nur eine reine, glühende Andacht von ihren Verehrern gutheißt, nnd darum hat er sich rein gehalten von allen Besudelungen der sit- tcnverderbten Gegenwart, die ihn umgab und umgibt. Denn das Verhältniß des wahren Dichters zur Poesie muß dasselbe sein, wie das, in dem voreinst das auöerwählte Volk zu Gott stehen sollte - „Ihr sollt mir ein Pricsterlichcö Volk sein, ein heiliges Volk) denn ich, Euer Gott, bin heilig." Alfred de Vigny ist unter den lebenden Literatorcn Frankreichs derjenige, der sich am meisten diesem Ideal
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