T a g e b u ch.
Aus Wie n.
Spiritu5 und Phlegma. — Die Wiener und die Ungarn. — Theater auf allen Ecke». — Der junge Adel. — Graf Sedlnizky und die Censur. — Vauernfcld befördert. — Betty Paoli. — Burgtheatcr. — VionaldcSchi. — Otto Prcchtler'S lskeuckiar. — Carvline Plchlcr.
Corrospondenzen aus großen Städten kann man eigentlich nur in den Wintermonatcn schreiben; in der schönen Jahreszeit heißt es da wie im Faust- ZuM Teufel ist der Spiritus, das Phlegma ist geblieben. Die Häuser, die Straßen, die Alltäglichkeit sind im Sommer wie im Winter überall dieselben; aber das, was den Geist, den Charakter einer großen Stadt macht- das Zusammenleben, das ist gestört; die Landhäuser, die Badereisen, die Touristenlust tragen die Elemente, die vereint eine bestimmte Farbe bilden, nach allen Gegenden der Welt, und der zurückbleibende Aschcnhaufe ist nicht werth, daß man darin stöbert.
Wenn Sie diese Eingangsworte meines heutigen Briefes als eine Entschuldigung nehmen wollen dafür, daß ich Ihnen seit längerer Zeit nicht geschrieben, so bin ich es wohl zufrieden; nur Ihr Drängen und Ihr Durst nach Nachrichten bestimmt mich heute, die Feder zu ergreifen, die sonst wohl noch Wochen lang nicht in mein vertrocknetes Dintenfaß getaucht worden wäre. Das Hauptinteresse Wiens lebt jetzt in Prcsburg. Der ungarische Landtag ist für die Wiener, abgesehen von allen politischen Resultaten, ein Schauspiel von so eigenthümlichem Reiz, wie nur irgend ein Mantel- und Degenstück unseres Burgtheaters. Der Masse der Wiener und der Oesterrcichcr überhaupt, ohne alle politische Bildung, wie sie ist, ohne klaren Begriff von konstitutionellem Leben, erscheint dieses Ungarn wie ein Stück Thcaterwelt, wie eine Bühnendarstellung, die sie aus Parterre und Logen unter Beifallklatschen betrachtet, dic ihre Phantasie anregt, ihre Reugier stachelt, von der sie aber vollständig durch die erhöhte Scene getrennt wird. Die Ungarn sind für die
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