Marie Louis e
Ein Charakterbild.
M?cme Louisc! Ein fast verschollener Name, den kaum in Jahren einmal die Zeitungen nennen, wenn ein Besuch die Trägerin desselben mit ihrer kaiserlichen Familie in Wien zusammenführt. Man kann dann wohl im Burgthcatcr oder <m irgend einem andern vielbesuchten Orte hören, wie irgend ein älterer Wiener Bürger, der sie noch aus ihrer Jugendzeit kennt, seinen Kindern, die neugierig das fremde Gesicht in der kaiserlichen Loge oder Carosse betrachten, zuflüstert: Das ist Marie Louisc. Und doch hat Marie Louise den Thron deö mächtigsten Reiches der Neuzeit mit dem großen Kaiser getheilt; und doch war sie Napoleons Gattin und die Mutter des Königs von Rom und Frankreichs Negcntin! Wer gedenkt ihrer noch unter den jungem Zeitgenossen? Ueber der Herzogin von Parma hat man Frankreichs Kaiserin, über der Gemahlin des ihr zur linken Hand angetrauten Grasen Neipperg hat man Napoleon's geliebte Gattin, über der Mutter des Grafen von Montenuovo die des Herzogs von Neichstadt vergessen. Selbst die Stimmen der Anklage, die sich noch während der Zwanziger-Jahre gegen sie von Frankreich aus erhoben, sind verstummt, seit mit dem Tode ihres Sohnes die letzte Hoffnung der Napoleonischen Partei erbleicht ist. Zwar noch unter den Lebenden, gehört sie doch schon der Geschichte an, gehört ihr um so mehr an, als fast alle ihre Zeitgenossen schon dem Reiche dieser unerbittlichen Richterin verfallen sind, und nur Wenige noch leben, die aus eigener Anschauung Zeugniß für oder wider sie ablegen können. Eines solchen Zeugen Stimme nun ist jetzt plötzlich laut geworden. Baron Menneval, von 1802 bis 1813 geheimer Cabinetösecretair deö Kaisers, dann seit der Rückkehr des-
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