Ungarische Z u st ä n d e
Aus Prcßburg. — Der ärgerliche Thealervorfall mit Vieurtemps in Pesth ist auS den Journalen bereits hinlänglich bekannt, allein er ist lehrreicher und bedeutungsvoller als Mancher wohl glauben mag, und ich wüßte in der Eile wahrlich keine charakteristischere Thatsache für die Zeichnung ungarischer Zustände überhaupt, als eben diesen scanda- lösen Auftritt im deutschen Schauspielhause. Man würde sehr fehlgreifen, wollte man aus diesem Tagsereigniß eine rohe Mißachtung aller höheren Kunstgenüsse und einen stumpfsinnigen Spott gegen das Schöne im Leben und die Blüthen der modernen Gesellschafts- bildung ableiten, denn gerade im Gegentheile sind es eben die Pesther, welche einen formten Enthusiasmus zur Schau tragen für alle höheren Kunsterscheinungen und aus ängstlicher Besorgnis), der Un- cultur oder Unempfänglichkeit angeklagt zu werden, alle Uebertreibungen der Modebegeisterung gewissenhaft mitmachen oder wohl Kar noch als gelehrige Schüler zu überbieten wissen. Das Publikum von San Carlo und der Scala ist phlegmatisch zu nennen gegen die ästhetische Berserkerwuth dieser jungen Colonie, die als ein grünsprossender Ableger westlicher Civilisation den Abstand wahrhaft durchbildeter Gesittung durch das Strvhfeucr eines lärmenden Enthusiasmus zu verschleiern sucht. Allein diese forcirte Anerkennung alles Schönen und Hervorragenden, was die westliche Welt erzeugt und ihnen zuschickt, steht bei aller Intensität gleichwohl unter einem noch höhern Gesetz, daS in Ungarn alle übrigen Leidenschaften beherrscht und über die ganze Nation eine unbeschränkte, eine tyrannische Herrschaft ausübt. Ich meine die Nationaleitelkeit. Wer diese beleidigt, oder auch nur den Anschein hat, sie zu beleidigen, der wird als offener Feind behandelt und keine persönliche Größe, kein europäischer Ruf, kein noch so großes Talem kann ihn gegen die Insulten deS aufgestachelten VolkSzornes schützen.