461
Tagebuch»
i.
Briefe aus Leipzig.
Universität — Fremd- Journale. — Buchhändler und Schriftsteller. — Liberalismus. — Schilling. — Religion und materielle Hoffnungen.
Mai.
Es gehört ein Entschluß dazu, über das heutige Leipzig ein Wort zu sagen. Leipzig ist kein Kleinparis und kein Neubabvlon; es ist vielzu gescheidt, um Thürme gen Himmel zu bauen. Leipzig ist ein Ameisenhaufen und weniger durch die großartigen Resultate, als durch die ganze Art und Weise seiner Thätigkeit von Bedeutung. Kunst, Literatur, Politik sind hier im Schwünge, doch eigentlich nur als Gegenstände der Industrie. Die Musik macht allenfalls eine Ausnahme, obwohl auch darin die producirenden Talente dünn gesäet sind. — Die hiesigen Kunstanstalten, Gemäldesammlungen zc., find sie einer so anspruchsvollen Stadt wie Leipzig würdig? Nein, aber sie gehören Kaufleuten. Leipzig ist vielleicht auch darin modern, daß es ein mittelmäßiges Theater besitzt, welches von der lauen Theilnahme des Publikums wie ein herkömmliches Uebel erhalten wird. — Die Universität gehört zu den besuchtesten Deutschlands, aber die lieben S00-1M0 Musensöhne sind meist Brodstudenten. Das ideale Burschenthum kam hier nie zur rechten Blüthe, und selbst die halb geduldeten Landsmannschaften fristen ihr harmlos bebändertes Dasein kümmerlich fort. Noch bezeichnender ist, daß es hier einen geistreichen Professor der Philosophie giebt, der gegen alle Philosophie offen polemiflrt. — Auch nicht die litcrcirische, sondern die typographische und buchhändlerische Thätigkeit dieser Stadt ist außerordentlich. Viele auswärts redigirte Journale, z. B. der Pilot, die Abendzeitung, der Freihafen, die wackern sächsischen VaterlandSblättcr, die deutschen Jahrbücher :c. werden hier gedruckt und verlegt. In ganzen Kameelladungen Wandern aus Norddeutschland und zum Theil aus Oesterreich die Manuscripte her, um bei einer leipziger Firma unter die Haube zu kommen und den Ehesegen der toleranten sächsischen Censur zu erhalten. Leipzig erzeugt eine Unzahl von Magistern, welche vortreffliche Correctoren abgeben und viel zum Nuhm der hiesigen Literatur beitragen; sie interpungiren besser, als die modernen Lyriker und corrigircn
60