Beitrag 
Gluck und Piccini : musikalisches Sittenbild aus dem letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts.
Seite
281
Einzelbild herunterladen
 

231

Gluck und Pieeinr.

Musikalisches Sittenbild aus dem letzten Viertel des achtzebnten'JahrhundertS.

Wenn die großen Männer unserer Heutigen praktischen Zeit die Erzählung der literarischen Streitigkeiten lesen, welche unsre Vorfahren beschäftigten, so sicht man ein mitleidiges Lächeln über ihre stolzen Lip­pen zucken. Mit Heftigkeit streiten, um dem einen oder dem andern von zwei Dichtern oder Musikern den Vorrang zu verschaffen, wie när­risch ! Wie kann man so unbedeutenden Gegenständen eine solche Wich­tigkeit beilegen! Wie kann man Streitigkeiten, deren Grund das Ver­dienst eines Künstlers ist, mit den Discussionen vergleichen, die unsre politischen Versammlungen aufregen; und wie könnten wir an Musik denken, wo es sich um Eisenbahn-Aktien, um Zollverträge, um Bun­destagsbeschlüsse, um Runkelrüben-Interessen, um englische Kindtauftn und holländische Bekehrungsakte handelt! Zwar kann man nicht läug- nen, daß es auch in unsren Tagen bärbeißige Leute giebt, deren Geist an allen Dingen die Schattenseiten aufsucht, und die das, was sie un­sere Politik-Manie nennen, nicht mit Spottreden verschonen, und die un­barmherzig über gewisse Dinge hersallen, denen wir große Wichtigkeit beilegen. Wenn man diesen brummigen Leuten zuhört, so streiten wir oft über Worte, die gar keinen ernsten Sinn enthalten, und erhitzen uns für Gegenstände, deren Lächerlichkeit wir nicht einsehen. Was nun gar die großen Männer betrifft, denen heutzutage die Macht gegeben ist, unsre Sympathieen oder unsren Zorn zu erwecken, von denen be­haupten diese Leute, daß ihnen weit weniger das Recht zuzugestehen sei, eine geistige Herrschast über uns auszuüben, als denen, die in früheren Zeiten dieses Scepter führten. Unsre Leser glauben uns wohl aufs Wort, daß wir diesen Schmollereien ihren gebührenden Werth geben; wir sind viel zu sehr ein Kind unsrer Zeit, als daß wir eingestehen sollten, daß wir, mit der Anmaßung, positiver zu sein, als unsre-

37