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Hamburg nach dem Brande.
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Tochter und ASkanius vom Berge Jda steigend, das ionische Meer durchschiffte und im latinischen Reich den Baustein zur römischen Herrlichkeit zusammentrug, so wird auch dieser ungeheure Brand ein Wendepunkt in der Geschichte der alten Hansastadt werden und das Urgesetz vom ewig Neuen erhärten, das sich im Kleinen wie im Großen kund giebt, an Menschen und Städten.

Das Leben in der großen Brand- und Baustätte erwacht täg­lich mehr, gießt sich in immer neue Formen; bald wird eS wieder kräftig und eilend an diesen Stätten vorüberrauschen, aus denen jetzt noch das Grauen und die Einsamkeit des Erstorbenen hervor­starrt. Bald werden diese Mauern, denen der erste Schnee des Winters die letzte Spur der heißen Gluth genommen, wieder Alt und Jung umschließen, Freud und Leid, Jubel und Klage; bald wird wieder dieser Eingang, von dem nur noch wenig Stufen in die leeren Räume ausgebrannter Wohnungen führen, zum Prunkgemach und zur Dachkammer leiten; die Menschen werden wieder über und neben einander wohnen, Tod und Leben werden sich wieder die Hand zum Aus- und Eingehen reichen; der Bettler wird wieder auf der Schwelle des Reichen kauern und das Toben der großen Stadt wird wieder zu den neuen, hohen Dächern dringen. Statt der krummen, engen Straßen wird der Fremde sich heimisch fühlen in geraden, breiten Gängen, und die Söhne der Heimath werden fremd sein in der eignen Vaterstadt. Der gerade Weg der beste, das scheint der Grundsatz zu sein, nach welchem der Plan der neuen Stadt angelegt und ausgeführt wird, und wo er nicht durch­geführt werden kann, darf man sich damit trösten, daß die gerade Linie nicht immer die Schönheitslinie ist. Die Stadt wird sehr schön werden. Noch nimmt die Enttrümmerung einen großen Theil der Arbeit in Anspruch; der Schuttwage» knarrt noch von srüh bis spät, die mächtigen Taue reißen noch immer ein, nach und nach treten die Grundlinien der Häuser nackt hervor, und was das Feuer übrig ließ, das entmörtelt das Brecheisen. Die kleinen Fähn­lein an den Bau- und Richtstangen, die anfangs roth und weiß waren, verbleichen im Sonnenlicht und Regen, aber hie und da rankt sich die rothe Mauer schon kühn über sie empor; Häuser wer­den gerichtet und der Mauerkranz grünt im hohen Dachstuhl. Möchte Freud' und Fried' in Menge unter den neuen Dächern wohnen,