Reiche Thränen - Armes Volk.
Eine literarisch-sociale Epistel.
ist eine schöne Sache um die Empfindsamkeit. Nur ist eS zu bedauern, daß man in dieser lieben Welt oft unnützerweise einen sehr starken Verbrauch davon macht. Ich wünschte, diese plötzlichen Rührungen, von denen wir bei jeder Gelegenheit ergriffen werden, hätten einen Zweck, dann wäre nicht unser Heiz eben so rasch trocken, als unsere Augen. Möchte man begreisen, daß die Thränen das Samenkorn der biblischen Parabel sind, und daß es also unsinnig ist, sie auf dürren Fels zu säen, wo sie keine Keime treiben können, man würde sich alsdann mäßiger hierin bezeugen und unsere Theilnahme an fremdem Unglück wäre dann nicht blos eine krankhafte Schwäche unserer Thränendrüsen.
Ich weiß wahrhaftig nicht, warum man ein so heftiges Geschrei über die Herzensdürre und den mitleidslosen Egoismus unserer Zeit anstimmt. Ich denke im Gegentheil, daß es ihr an Empfindsamkeit durchaus nicht fehlt und fordere Jedermann heraus, mir in der Geschichte einen Zeitraum aufzufinden, in dem mehr Thränen vergossen worden sind, als in den letzten fünfzig bis sechzig Jahren. In einer periodischen Schrift habe ich letzthin eine Berechnung gefunden, welche den armen, von Herbst- und Frühlingöregen und vom Winterschnee durchnäßten Fußgängern unwiderleglich bewies,
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