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Die zwölf Nächte
Bin ich nun unglücklich? Man ist nicht unglücklich, wenn man getan hat, was man tun mußte. Meine Bitte hat vielmehr Erhörung gefunden, ich habe mein Kreuz tragen lernen. Wohl habe ich noch kämpfen müssen, aber der Ruhe ist immer mehr geworden. Bin ich vordem durchs Leben gegangen, als trüge ich zwei Seelen in mir, von denen die eine immerfort dem Lichte zustrebte, die andre sich immerfort in die Finsternis hineinziehen ließ, so bin ich jetzt aus diesem Zwiespalt erlöst und habe Frieden. Auch wenn ich mich von nenem in Finsternis stürzen wollte, so könnte ich es nicht mehr, denn ich bin ein gebundner Mann. Aber ich bin auch iu andrer Weise als durch Gewalt gebunden, ich habe nicht umsonst gelebt und bin nicht vergeblich durch so viel Finsternis und so viel Licht gewandert. Ich habe die Stimme gehört, die die Mühseligen und die Beladnen zu sich ruft, und das Kreuz, das mir iu der finstern Nacht meines Lebens erschienen war, leuchtet mir nun auch am Tage uud weist mir meinen Weg.
Mein Leben ist im Vergehn, ich weiß es jetzt und verstehe also, was die Blicke, denen ich zuweilen begegnete, zu bedeuten hatten. Es hat mich erschüttert, dies zu erfahren, und es hat mich zugleich mit unaussprechlicher Freude erfüllt, denn ich sterbe gern. Schon immer wollten mich meine Eltern aufsuchen, aber ich hatte immer abgewehrt. Als ich jedoch vernahm, wie es um mich steht, uud zugleich bedachte, daß auch ihre Tage gezählt sein könnten, habe ich sie selbst herbeigerufen. Die Mutter war untröstlich, der Vater still, aber er hat mir seine Hand aufs Haupt gelegt und mich au sein Herz gezogen. Von ihnen habe ich auch erfahren, daß Marthchen verheiratet ist und als eine glückliche Frau in einem glücklichen Hanse waltet. Ich habe es mit Freuden gehört und Gott gebeten, daß er sie immerfort segnen möge. Er segne auch die, die mir sonst teuer waren, und die meiner wohl zuweilen als eines längst Gestorbnen gedenken werden. Allen Segen und sein schönstes Glück aber lenke er auf dich, Maria. Mögest du Frieden finden, wie ich ihn gefunden habe.
Es ist Winter geworden. Die Welt liegt verschneit, die heiße Lebensflamme ist niedergegangen, aber sie wird wieder emporschlagen, wenn der Frühling kommt, und dann werden auch die Bäume, vou deren Kronen ich jetzt nur einige kahle Reiser sehe, wieder ausschlagen und im Frühliugshauch rauschen. Ich weiß noch immer nicht, von welcher Art sie sind, aber ich frage nicht mehr danach. Meine Seele ist auf andres gerichtet und begehrt Größeres zu erfahren.
Ich sehe meinen Stern in der Ferne aufglänzen. Die Brücke liegt bereit, bald gehe ich hinüber, und die Erde versinkt zu meinen Füßen.
Die zwölf Nächte
Meihnachtsgeschichte von Georg Stell« uns (Schluß)
^ ährend der alte Mergner uud dessen Gäste rücksichtslos dem Nnm des in seiner Kammer eingeschlossenen Fräuleins zusehen, hatte sich F^u Hodewitsch, dn im Stall und im Hause alles iu Ordnung war, mtt einem Apfel und einigen Nüssen auf ihren Lehn- uud Arbeitstuhl gesetzt uud war da, nachdem sie mir den Apfel ganz, von den Nüssen »^nur zwei oder drei mit vielem Mumpeln schnabuliert hatte, in den Schlummer verfallen. Einen Schlummer, der, wie schou erwähnt worden ist, eiue ihrer besondern Eigentümlichkeiten war, denn er pflegte sie mit einer solchen Gewalt zn unifangen, daß sie, wenn sie eingeschlafen war — uuo das pflegte das Werk eines Augenblicks zn sein —, so lange als abwesend gelten