Der Reichskanzler und die ^ozialdemokratie
s lies, sich voraussehen, daß das Wetterglas des Achtzig-Sozwl^ demokraten-Reichstags auf Wind und Regen, wenn nicht ans Sturm zeigen würde. Nach dem weit über Wert und Gebühr ausposaunten Wahlsiege bedeutete der Dresdner Parteitag euie starke moralische Niederlage, vielleicht die stärkste, die die Sozial- demokratic je erlitten hat, weil sie völlig ohne fremde Einmischung als ausschließliches sozialdemokratischcs Produkt zustaude gekommen war. Man konnte infolgedessen darauf rechnen, das; die Partei im Reichstage ihre Stimme um W lauter erheben würde, in der Absicht, den nachteiligen Eindruck zu ver wischen, den der Dresdner Tag auch uuter den Genossen und in den breiten Massen gemacht hatte. Aber daß die Sache wiederum gar so kläglich verlaufen würde, habe» wohl nur wenige vermutet. Bcbel hat das wohl auch selbst empfunden, sonst hätte er seine Erwiderung schwerlich mit der Behauptung eröffnet, daß der Reichskanzler wohl von ihm eine ganz andre Rede erwartet und sich auf diese vorbereitet habe. Die Erwiderung war noch schwächer al.- erste Rede und stand wesentlich unter dem Druck oder dem Eindruck der vom Reichskanzler inzwischen der Abordnung des Frankfurter Arbeiterkongresfes erteilten Antwort.
Eins der .«öanptagitationsmittel der Sozialdemokratie ist chre aofoMte ^dentifiziernng mit allem, was „Arbeiter" heißt. Ihre Redner nehmen »hne weiteres jede» deutschen Arbeiter für die Sozialdemokratie m ^eMag. und auf den Arbeitsplätzen mnß sich der einzelne, um in der Arbeit bleiben M können und der körperlichen Mißhandlung, ja der Lebensgefahr zn entgeyn, sich wenigstens änßerlich zur Svzialdemokratie bekennen, denn diese, nicht meyi der Unternehncr. ist längst der herrschende Teil geworden. Sie schreibt dem einzelnen Unternehmer vor, welche Leute er behalten darf und welche nM)i, u«d dem entspricht mich der Ton. worin die große Mehrzahl der Urveitei. namentlich in, Baugewerbe, aber auch in andern, mit ihren Brotgevern zu verkehren pflegt. Nach den Dresdner Proben darf man sich darüber freilich kaum wundern. Aber während so die Sozialdemokratic einen ^orwmiw «usübt. der eigeutlich in einem zivilisierten Lande nnerhört sein Wllte stellt Vebel im Reichstage die Arbeiter als .Helote:., als unter einer unerträglichen Sklaverei leidend dar und läßt an den Unternehmern, die sich den Terronsmus Grknzboten IV 1908