384
Maßgebliches und Unmaßgebliches
sagte Heinemanu: Nun werden wir die Welt einmal von einer andern Seite betrachten. Die Welt, die er meinte, waren Spelunken der jämmerlichsten Art, dennoch machte er jedesmal, wenn wir in eine solche Herberge eintraten, ein Gesicht, als führe er mich in ein Museum voll auserlesener Raritäten, und schon unterwegs erzählte er mir von den großen Leuten, die ich dort möglicherweise autreffen werde, verkannten Genies, voll Witz und Laune, vom Schicksal bedrückt und dennoch obenauf, jedoch mochte diese Gattung entweder ausgegangen oder anders wohin verschickt worden sein, denn wir trafen immer nur ein armseliges Volk, das sehnsüchtig nach der Flasche äugte und mit dem ganzen Gesicht lachte, wenn es mittrinken durfte. Von der schönen Laurette, auf die ich allein begierig war, war dagegen nicht die Rede. Wegen der Warnung, die mir Heinemann hatte zuteil werden lassen, nnd nm nicht wegen meiuer Leidenschaft verspottet zu werden, drängte ich die Frage nach ihr, die mir fortwährend auf den Lippen lag, immer wieder zurück, indem ich mich damit tröstete, sie werde, wenn ihre Zeit gekommen sei, schon ganz von selbst aus ihrer Verborgenheit hervortreten, eine Vermutung, in der ich leider nicht betrogen wurde.
So ging es diesen Tag uud die andern Tage, ich eignete mir eine ganz nette Kenntnis der Wirtschaften an, an deren Tischen der Hunger nnd das Elend zu dinieren Pflegte, und kehrte, trotzdem daß wir immerfort tief unter der Linie des wirklichen Genusses dahin schwebte», alle Tage mit leereu Taschen heim. Das war auch das einzige, was ich erlebte, nnd ich hatte die Lust daran schnell verloren. Auch litt mein Schneiderange schmerzlich unter dem Anblick dieser verkrninpelten und versessenen Röcke uud zerfransten Hosen, nnd das, was mir an Unterhaltung geboten wurde, wnrde mit jedem Tage weniger. Heinemaun dagegen schwebte in einem großartigen Behagen, er spielte den Beschützer und Göuuer, der eineu Grünling in wunderbare Dinge hineinschauen läßt. Wenn wir dann eine Menge getrunken uud eine größere Menge uuter das ewig hungrige Volk, dessen Lebensgewohnheiten wir zu studiereu vorgaben, verschüttet hatten, dann hieß es immer: Bezahle die Kleinigkeit, oder: Diesmal magst du zahlen. So kamen mir meine Forschungen nach dein unterirdischen Treiben einer Großstadt teurer, als wenn ich an Marmvr- tischen studiert hätte, und ich war dessen gewiß, daß, wenn es so weiter ging, mir die Verwahrung meiuer iu vielen Jahren Heller zu Heller gesammelten Schätze keine Sorge mehr bereiten werde.
(Fortsetzung folgt)
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel
Der Zar in Wiesbaden. Die Ferien des russischen Selbstherrschers gehn zu Ende. Kaiser Nikolaus hat sich in Darmstadt und Wolfsgarten außerordentlich heimisch und wohl gefühlt. Er hat die benachbarten Landschaften auf dem Automobil durchkreuzt, sich auf Burg Nheiustein des herrlichen Bildes unsers Rhcinstroms erfreut, hat in Frankfurt inkognito auf der Zeit uud der Kaiserstraße flaniert, gleich einem fröhlichen Touristen dort Einkäufe besorgt, er ist zum Freiherru vou Hehl nach Herrnsheim gefahren, um als Gast des deutschen Neichstagsabgeordneten und Großindustriellen Ausgrabungen aus römischen nnd fränkischen Grabfelderu beizuwohnen, endlich hat er m Wiesbaden den Kaiser besucht und Abordnungen seiner preußischen Regimenter begrüßt — kurzum er hat sich iu der Ferienkolonie, zn der das Hessenland ihm geworden ist, mit einer Freiheit und Befriedigung bewegt, die auch auf seine Stimniung vom wohltätigsten Einftnß gewesen ist, und es ist begreiflich, daß er ungern vou dieser Heimat seiner Gemahlin und von