367
einen so lebhaften Meinungsstreit, wie ihn die materielle Gegenwart sonst nur noch auf den Kampfplätzen der wirtschaftlichen Interessen entbrennen sieht. Mit Kopfschütteln gewahrte der nachdenkende Betrachter, welchen trüben Schaum auf beiden Seiten die hochgehenden Wogen der Erregung aufspritzten. Wenn damals die Widersacher des Nackten von einem „Entrüstungsrummel" seiner Verteidiger sprachen, so war daran sicher so viel richtig, daß der unverständige, nnch der knnstunverständige Hanfe am lautesten lärmte. Der echte Kern der Bewegung lag — wie immer bei solchen Bewegungen — mehr in einem richtigen Gefühl als in einem richtigen Urteil. Die Künstler und ihre Freunde hatten den Eindruck, daß Männer, die aller Kunst fern standen, mit Polizeivorschriftcn in das Gebiet des Kunstschaffens übergreifen wollten; dagegen lehnten sie sich auf. Sie wehrten einem Einbruch in die Grenzen ihres Landes, das allen cdeln Geistern aller Zeiten als heiliger Boden galt, den ungeweihte Füße nicht betreten sollen.
Wenn sie aber Schaden für die Kunst befürchteten, so verfielen sie einein groben Irrtum. Die leidet unter solchen Übergriffen nicht; die folgt unaufhaltsam den Gesetzen ihrer Entwicklung: aufwärts, so lange sie es vermag/ abwärts, wenn ihr Höhepunkt erreicht ist.
Aus der Jugendzeit
Erinnerungmi von v. t)r. Robert Bosse (Fortsetzung) l!.. Das Gymnasium (Fortsetzung) ou Tertia an wurden wir Jungen in der Schule von den Lehrern mit Sie angeredet. Viel zu früh für Jungen, wie ich, der ich uoch nicht dreizehn Jahre alt war. In Tertia saßen freilich auch ältere Jungen. Denn hier blieben die unbegabten und faulen Schüler zurück. Die meisten wurden aus Tertia konfirmiert. Es waren aber auch uoch ältere in der Klasse. Denn von Tertia an begegnete man auch Jungen, die schon auf einem andern Gymnasium gewesen und dort nicht vorwärts gekommen waren oder sonst nicht gut getan hatten, Großstädtern, die zur bessern Überwachung ihrer Erziehung in die kleine Stadt gebracht wurden, weil da ein letzter Versuch mit ihnen gemacht werden sollte. Namentlich das Kloster Unsrer lieben Frauen in Magdeburg lieferte damals jahrelang eine Reihe solcher schiffbrüchigen Jungen auf unsre Anstalt. Sie waren unter uns ein überaus schädliches Element. Sie wußten Dinge, von denen wir jungem Provinzler noch keine Ahnung hatten, und renommierten mit Ansprüchen und auch mit Geldausgaben, an die wir Quedlinburger Jungen vorher noch nie gedacht hatten. Sie rauchten heimlich, tranken bayrisches Bier in allerhand Winkelkneipen und bei den Ausflügen in den Harz und machten Stimmung dafür, daß man sich vou den Lehrern nichts gefallen lassen dürfe. So kam man in der Tertia nuvermerkt in eine Atmosphäre sittlicher Gefahren hinein. Wunderbar genug, daß wir noch so leidlich und mit einigen im Grunde ziemlich harmlosen Dummheiten durchgekommen sind. Unsre Lehrer waren gegen diese Gefahren wie mit Blindheit geschlagen. Wir arbeiteten allerdings für die Klasse fleißig und hatten auch im ganzen Lust Grenzboten IV 1903