Zwei Seelen
Gin Lebensbild von Wilhelm Speck (Fortsetzung) N
tthrend der nächsten Tage bekam ich von Anna nichts zn hören und zu sehen. Da ich versprochen hatte, ihr die nächsten Schritte zu überlassen, so mußte ich mich ruhig halten, obwohl es iu meinem Herze» unruhig hin und her wehte. Einigemal war ich auf dem Hügel, von dem man in das Mühlenanwesen hineinschauen konnte. Das Haus lag unter mir in einein geheimnisvollen stillen Sonnenschein, zuweilen gingen Leute über den Hof, oder es fuhren Wagen über den Mühlstcg, ober das Mädchen selber erblickte ich nicht. Einmal glaubte ich ein weißes Fraueugewnno am Fenster zu sehen, aber es war nur eine Gardine, die im leisen Lufthauch hin und her schwebte. Der Aublick des stattlichen Wohnhauses, der zahlreichen Wirtschaftsgebäude, der hohen alten Ulmen, die ihre Kronen im Sonnenschein ausbreiteten, und sogar des vornehmen Hühnervolks, das stolz über den Hof hin spazierte, bedrückte mir, statt mich mit Wohlbehagen zu erfüllen, das Herz, und der Gedanke kam mir: Wäre die Anna ein armes Mädchen nud wohnte in einer armen Hütte, dann stiege ich fröhlich hinunter und setzte mich mit ihr in den lachenden Sonnenschein. Ich versuchte zu jauchzen, wie an jenem Abend, aber die Stimme wollte nicht heraus, und die Luft trug den Ton nicht weiter.
Es folgten Regentage, und dann kam wieder die Sonne, und nachdem die Sonne untergegangen war, ging der Mond wieder auf und zog mit dem Sternenheer so ruhig seiue Straße, als wäre nichts geschehn. Und doch müßte sich etwas ereignet haben; eine Unruhe, die mich mehr und mehr ergriff, sagte es mir, dazu umgaben mich allerlei dunkle Gerüchte, die dem Sturme vvrnuszogen.
In der Ungewißheit, in der ich war, geriet ich auf allerlei Torheit. Ich besuchte gegen meine sonstige Gewohnheit die Wirtshäuser, und unter dem Potulieren wurde es mir ein wenig wohler. Einmal geriet ich in einem nahen Weiler unter eine Anzahl Fuhrknechte, unter denen auch einige in die Mühle gehörten, und führte mit ihnen zuerst ein vorsichtiges Gespräch, wurde aber, da die Leute ganz unbefangen waren, allmählich munterer und zuletzt so aufgekratzt, daß ich erst gegen Morgen mit schwerem Kopf nach Hause taumelte. Mein Vater empfing mich an der Tür und führte mich am Arm die Treppe hinauf iu mein Zimmer. Das geschah zum erstenmal und bereitete mir ein köstliches Vergnügen, sodaß es eine ganze Zeit dauerte, ehe ich lachend und schwatzend die Stufen hinaufgeklettert war. Nachher fiel ich in einen festen Schlaf, und als ich davon erwachte, war mir elend zumut. Den ganzen Tag lag ich im Bett und stöhnte. Der Kopf tat mir weh, weher noch das Herz, am allermeisten aber krüminte sich mein Stolz, der bei dieser Angelegenheit ja auch nm stärksten beteiligt war.
An diesem Abend trat Horst unerwartet in mein Zimmer; er war äußerst aufgeräumt und hielt eine Reitpeitsche iu der Hand, mit der er, während er rittlings vor mir auf einem Stuhle saß, zu meiner Qual hiu und her fuchtelte. Er betrachtete mich mit lachenden Angen, als wäre mein Zustand ein guter Spaß, und fragte mich aus, wo ich mir diesen Jammer geholt hätte. Nach und nach merkte ich, daß er von allem unterrichtet sei. Das machte mich ängstlich, und ich