Maßgebliches und Unmaßgebliches
131
schlügen erfüllte und über nll dein Ansingen nach dem Stern, den, wie ich dachte, die himmlische Weisheit über mir hatte aufgehn lassen, fast das schönste und ruhigste Stück Gegenwart in meinem Leben entrinnen ließ.
(Fortsetzung folgt)
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Schlesische Volkskuude. Daß es die höchste Zeit sei, die uoch vorhaudnen Reste volkstümlicher Bräuche zn sammeln, hat für seine schlesische Heimat der verstorbne Karl Weinhold schou vor vierzig Jahren ausgesprochen. Er hat die Abfassung eines Werkes augeregt, das jetzt erst vollendet vor uus liegt: Sitte, Brauch und Volksglaube iu Schlesien von Paul Drechsler. Mit Buchschmuck vou M. Wisliceuus. Leipzig, B. G. Tenbuer, 1903. (Erster Teil des zweiten Bandes der Sammlungen und Studien der Schlesischeu Gesellschaft für Volkskunde, die Friedrich Vogt unter dem Titel: Schlesiens volkstümliche Überlieferungen herausgibt.)
Drechsler hat den größten Teil des Stoffs „während der Wanderjahre, die in den Zeiten der Überfülle dem Philologen beschert waren, in den verschicduen Gegenden der Heimat selbst gesammelt." Sein Buch ist denu auch eine sehr reichhaltige und darum verdienstliche Stoffsammlung geworden, und er hat Recht, wenn er sagt, daß es nur eine Vorarbeit für die schlesische Volkskunde sei, nicht diese selbst. Wir erlauben uns, einiges hervorzuheben, was der Verfasser einer solchen zu beachten haben wird. Zunächst wird manches auszuscheiden sein, was gar keine Eigentümlichkeit der Schlesier ist. Es sieht einigermaßen komisch aus, wenn es Seite 45 heißt: „Am letzten Jahrestage (manchmal schon am heiligen Abend) muß der Mann einen Schnaps trinken, nm den Wnrm (Unglück und Ärger) des letzten Jahres zu ersä'nfcn," und wenn mit Gelehrteucrnst zum Beweis für das tatsächliche Vorkommen dieses merkwürdigen Brauchs auf die Seite 20 einer Schrift über Obcrschlesicu verwiesen wird. Solche Vorwände zum Trinke» sind doch in der ganzen slawo-germanischen Welt allgemein üblich, und vollends am Silvester bleibt es nirgends bei einem Glase. Dafür wird noch so manches anfzuuchmcn seiu, was fehlt, zum Beispiel hübsche Hirtenlieder für die Weihnachtszeit, die wir in Niederschlesien gehört haben. Es wird dann anch genauer, als es im vorliegenden Bnche geschieht, nachzuweisen sein, was von den aufgenommenen Bräuchen wirklich reiu schtesisch ist, und was diese Provinz mit andern deutschen Landschaften, vielleicht mit ganz Deutschland oder dem gcmzeu Norden gemeinsam hat. Wenn ein Brauch so jung ist wie der Christbaum, so muß das ausdrücklich hervorgehoben werden. Ferner wird genauer anzugeben sein, was ganz verschwunden ist, und was uoch geübt wird, und wie weit die Übung verbreitet ist. Es scheint manches aufgenommen zu sein, was nur ganz vereinzelt, vielleicht iu wenig Häusern eines einzigen Dorfes vorkommt, sodaß Lente, die in der genannten Gegend aufgewachsen sind, uie etwas davon gemerkt haben. Dann müßte untersucht werde», ob die Bräuche noch mit abergläubische» Vorstellungen verbunden sind oder bloß zu Scherz und Zeitvertreib geübt werdeu. So haben sich gewisse Liebesornkcl auch bei den „Gebildeten" uoch hie und da erhalten, aber natürlich nur als Gesellschaftsspiele der jungen Leute. Sie kommen ans demselben Grnude immer mehr ab wie die Vollsbräuchc im allgemeinen, weil nämlich in unsrer wechsclvollen. jede neue Mode uiit Blitzesschnelle über die ganze Welt verbreitenden Zeit jeder Tag neueu Zeitvertreib beschert. Die stereotypen Redensarten und Hciudluugcu, deren periodische Wiederholung einen Volksbrauch ausmacht, siud überhaupt ein Mittel gewesen, die vielen müßigen oder durch die Einförmigkeit nnd Leichtigkeit der Beschäftigung