Zwei Seelen
Lin Lebensbild von Milhelm Speck (Fvrtseizung) 5
ch hatte inzwischen in aller Stille eine Bekanntschaft gemacht, die für mein späteres Leben van einschneidender Bedeutung war. Bei meinen Hausiergängcu hatte ich zuweilen die Gesellschaft zweier muntrer Knaben gehabt, vvn denen ich zuletzt auch in das Hans ihrer Eltern geladen wurde. Die Leute hießen Schöne, nnd man nannte sie alle zusammen die schöne Familie, weil ihr Name in einem schlimmen Widersprnch zu ihrem Aussehen stand, Schöne war vvn Beruf ein Schmied, er übte aber sein Handwerk schon längst nicht mehr aus, weil er das Hämmern nicht vertragen konnte, dagegen gab er sich mit allerlei Basteleien ab, kurierte beschädigte Nähmaschinen, brachte ausgeleierte Schwarzwälder Uhren wieder leidlich in Ordnung vder machte einen musikalischen Marterkasten wieder lebendig. Die meiste Zeit jedoch spintisierte er über eine Erfindung, die er zu machen erschlossen war. Denn was andern gelang, glaubte er sich ebenfalls zutrauen zu dürfen, und er meinte, etwas neues zu entdecken, dazu gehöre kein besondres Wissen, das einem vielmehr dabei hinderlich sein könne, sondern nur etwas Glück. Wenn einer in einen großen dunkeln Raum eingeschlossen zufällig eine Türklinke ergreife, so werde er anch die Mittel finden, sie zu öffnen nnd sich ins Freie zu bringen. Aber diesen Türgriff zu fassen, dazn gehöre Glück, und ans Glück dürfe jeder rechnen, da es noch immer nicht in festen Händen wäre. Frau Schöne hatte, als sie wirklich noch schön war, in der Zeit, wo sie noch Rapholz gernfen wurde, die Stelle einer Hebe in einer Spielhölle versehen. Als dann ihre Schönheit verblichen war, hatte sie sich auf eine andre Art von Gaunerei gelegt, die Kartenlegerci, zu der ihr Äußeres trefflich paßte. Ein dunkler Kopf wie aus gebräuntem Holz geformt, schwarze brennende Augen und eine geheimnisvolle Stimme machten sie zu einem Menschenwesen, dem man eine Verbindung mit überirdischen Gewalten wohl zutrauen konnte, Sie hatte denn anch eine ausgebreitete Kundschaft, arme Dienstmädchen, denen eine dumme Licbesgeschichte den Kopf verrückt hatte, aber auch begüterte Leute und Menschen, die sich zn den Gebildeten rechneten, liefen abends bei ihr vor nnd betraten mit einem Lächeln, nntcr dem sich ein heimliches Grausen verbergen ließ, die geheimnisvolle Zauberstube,
Bei diesen Leuten brachte ich viel Zeit zu nnd lernte mit allem Eifer, was sich da lernen ließ. Schöne unterrichtete uns iu allerlei Karteuspielen, sodaß wir bald imstande waren, jedem, der sein Geld los werden wollte, dazu die Gelegenheit zu bieten. Vorläufig waren wir freilich für die Ausübung dieser freien Kuust noch zn jung, wir konnten uns nach unsers Meisters Wort eben nur für die Zukunft rüsten, die dereinst alle Mühe reichlich lohnen werde. Mit der Zeit brachten wir es denn auch dahin, daß wir unsern Lehrer selbst überlisteten oder seiueu Schlichen auf die Spur kamen, worauf ihn wohl einer seiner Söhne mit dem Titel Lump traktierte. Das nahm er mm gar nicht übel, vielmehr herrschte in dieser Familie die größte Eintracht und Gleichheit, Alt und Jung lebte auf völlig gleichem Fuße miteinander, und da alle von demselben Eifer beseelt waren, möglichst viele Menschen zu betrügen und die Beute gemeinsam zu verbrauchen, so